Das Zeit- und Strafraum Kontinuum
Minute 45+1:
Sex or Soccer? Kicker und Ficker bei der geilsten Nebensache der Welt

Was bisher geschah:

Hier könnt ihr euch die bisherigen Einträge rund um die fünf Jungs, die vor dem Fernseher ein Fussballspiel verfolgen, lesen. Nun aber viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe:


Zum x-ten Mal wird die erotischste Szene der ersten Halbzeit im TV wiederholt. Der Freistoßschütze zieht sich im Zeitlupentempo die eng geschnittene Hose hinauf, sodass die knappen Hosenbeine nach innen verschwinden. Sein bestes Stück wird nur noch bedeckt von einem Hauch aus Polyester und Baumwolle. Quasi ein modernes Feigenblatt, wie es einstmals den Intimbereich barocker, humanistischer Davidfiguren verdeckte. Der Schütze weiß, dass der Vergleich mit Michelangelos David durchaus berechtigt ist. Beide werden sie bewundert, über beide werden Geschichten geschrieben, Bilder vervielfältigt und Legenden gesponnen. Beide sind sie übermenschlich muskulös geformte Statuen: der eine aus weißem Marmor, der andere aus Fleisch und Blut. Beide verstecken ihre göttlichen Körper nicht vor den voyeuristischen Augen ihrer Betrachter. Beide tragen ihr Haar im zeitgemäßen Stil: der eine lockig, der andere pomadig. Der Blick des Schützen, kurz bevor er zum Stoß anrennt, ist ähnlich stechend wie Davids Augen. Hier endet die Gemeinsamkeit. David ist ein Held, eine biblische Figur, in Stein gemeißelt, aber zugleich zurückhaltend, bescheiden, einer von uns. Nicht so der Schütze: Seine Augen wenden sich uns zu. Er sucht den Blickkontakt, weiß, wo die Kameras ihm am besten in die Augen schauen, damit sein Blick die Zuschauer durchbohren kann. Damit gibt er zu verstehen: Betrachtet mich, weidet euch an meiner Schönheit, meinem Körper, meiner Überlegenheit, meiner Übermenschlichkeit, meinem Über-Ich. Zugleich sollt ihr wissen, dass ich kein Spiegelbild euresgleichen bin. Ich bin mehr. Ich bin besser – unerreichbar, in Ewigkeit, Amen. Der Schütze ist ein selbsternannter Messias, der sein eigenes Fleisch zur lebenden Statue meißelt, ein Blender, dem nur die verlorenen Fussballseelen folgen. Selbstsicher in seiner Arroganz, einer von denen da oben, keiner von uns. Während die Bilder immer wieder laufen, herrscht auf der gemütlichen Couch Normalbetrieb: Man trinkt, gähnt, lacht, tippt etwas ins Handy oder kratzt sich am Hintern.

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Kurvenblick
Günned de Final, chömed hei und lönd oi fiire!

Schweizer CUPFINAL 2018

Als an einem bitterkalten Mittwochabend  (Temperaturen um die Minus 12 Grad) im Zürcher Letzigrund Cédric Brunner in der neunzigsten Minute zum 2:1 für den FCZ im CUP Halbfinal-Derby gegen die Grasshoppers einnetzte, gab es in der Zürcher Südkurve kein Halten mehr. Dutzende Bengalen erhellten den Nachthimmel und für mich als FCZ-Sympathisant stand fest, der Cupfinal – wie der Schweizer sagt – muss 2018 im Beisein meiner Wenigkeit stattfinden. Der Finalgegner wurde bereits am Abend davor ermittelt, wo der neue Meister Young Boys Bern den FC Basel eliminierte (dieses Duell wäre, wie bei meinem ersten Finale 2014, aus Fansicht natürlich wieder mein Favorit gewesen). Meine drei bisher gesehenen Finale waren zumindest fantechnisch jedes Mal den Besuch absolut wert.

„Der CUPFINAL ghört ins Wankdorf“

Der Fussball-Cupfinal fand erstmals nach 2014 wieder in Bern statt. Damals kam es zu Gewaltexzessen randalierender Fans aus Zürich und Basel. Bei ihrem Marsch durch die Stadt verursachten sie Sachschäden in Höhe von rund 40.000 Franken. Die Szenen an jenem Ostermontag fanden bereits weit vor dem Spiel statt und wurden geprägt von Männern mit schwarzen Kapuzenjacken, Sonnenbrillen und Sturmmasken mit Totenschädelmotiv. So bewegte sich der Mob der FCZ-Fans (angeblich auch unterstützt von Leuten des Stadtrivalen Grasshoppers, gemeinsam unter dem Namen „Zürichs kranke Horde“ aktiv) durch die Stadt, uniformiert, martialisch und für viele Aussenstehende sicherlich bedrohlich wirkend. Schaufenster gingen zu Bruch, ein Souvenirladen wurde ausgeräumt und in der Innenstadt war die Trennung der rivalisierenden Fangruppen nur durch massives Polizeiaufgebot und Wasserwerfer möglich. Auch vor dem Stadion kam es seitens der Polizei zum Einsatz von Wasserwerfern und sogar Gummigeschossen. Die Stadtregierung machte nach diesen Ereignissen deutlich, dass der Cupfinal in Bern nicht mehr willkommen sei. In den Folgejahren wich der Fussballverband deshalb nach nach Basel, Zürich und Genf aus.

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Reportage
Von Schwalben, Falken und Tauben – Fussball in Georgien (Teil 2)

Shevardeni 1906 vs. Shukura Kobuleti (1.7.2018)

Die Weltmeisterschaft läuft zeitgleich und noch dazu spielt heute der Veranstalter, der große Nachbar im Norden, sein Achtelfinale gegen die Furia Roja. Über die Fernsehschirme der Stadt flimmern spanische Querpassorgien und russischer Beton, während ich mich auf die Suche nach der Davit-Petriashvili-Arena mache. Dem Taxifahrer ist der Name zunächst kein Begriff, doch nach Konsultation mit einigen Nardy spielenden Kollegen winkt er mich in seinen 2er-Golf und steuert das Ziel am rechten Mtkvari-Ufer überzeugt an. Fernab vom Glanz des vom touristischen Zentrums hat man unter anderem für die U19-Europameisterschaft 2017 in der urbanen Peripherie zwischen sozialistischem Wohnbau und steppenähnlichen Stadtausläufern ein kleines Stadion inklusive Hotel aus dem Boden gestampft. Vor letzterem lädt mich Taxifahrer Giorgi , dem Shevardeni nichts zu sagen scheint, ab. Immerhin gibt es den traditionsreichen Verein auch erst seit drei Jahren wieder, nachdem man 1996 den Spielbetrieb einstellen musste. Die letzten 100 Meter gehe ich zu Fuß, wobei mir ein Rudel Straßenhunde klarmacht, dass ich besser nicht gekommen bin, um zu bleiben.

Es läuft familiär ab, wenn man das öffentliche Desinteresse an der heutigen Partie zwischen den Hausherren und Shukura Kobuleti euphemistisch umschreiben möchte. Meine Frage nach Tickets sorgt für allgemeine Heiterkeit bei der Stadion-Security, deren Präsenz auch nur mit gesetzlicher Notwendigkeit zu erklären ist. Mich eingeschlossen haben sich handgezählte 38 Zuseher, darunter fünf Zuseherinnen, eingefunden, um eine Antwort auf die brennende Frage, wie sich der Tabellenstand in der zweiten Liga entwickelt, zu bekommen. Wir machen uns auf schlumpffarbenen Sitzen breit, deren Zustand geschickt kaschiert, dass das Stadion eigentlich brandneu ist. Die Tartanbahn ums Spielfeld ist ebenfalls in der Farbe eines Gelato aus Kindheitserinnerungen gehalten. Nur der zweireihige VIP-Club, dessen Besuch jedem Anwesenden freisteht, hebt sich durch rote Polstersessel ab. Gastronomie? Fehlanzeige. Immerhin der Medienbereich ist stattlich besucht. Welche Partie kann sonst schon von sich behaupten, ein Verhältnis von 1:6 zwischen MedienvertreterInnen und BesucherInnen aufzuweisen?

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Reportage
Von Schwalben, Falken und Tauben – Fussball in Georgien (Teil 1)

Sie wüssten so wenig über den Fussball in Zentralasien, monieren Adelmeier und Steghauser in ihrer letzten (und zwölften) Podcast-Ausgabe. Aus diesem Grund wäre eine gemeinsam ausgerichtete Weltmeisterschaft in Kirgistan, Tajikistan, Turkmenistan und Usbekistan zu unterstützen, denn es würde helfen, diese Länder auf unseren geistigen wie realen Landkarten zu verorten und (Fussball-)Kulturen kennenzulernen, die ihnen bislang unbekannt wären. Uns ist bewusst, dass König Fussball ein globales Phänomen ist. Dass er überall gespielt wird. Dass auch die Verbände von Bhutan und Bangladesch oder Tonga und Tuvalu gelegentlich elf Mann auf ein Spielfeld fernab unserer Aufmerksamkeit delegieren. Doch wie sich das im Konkreten gestaltet, entzieht sich zumeist unserer Kenntnis. So können viele Fussball-Aficionados problemlos den aktuellen Mittelstürmer von West Bromwich Albion oder den Ersatztorwart des FC Augsburg benennen, aber wenn der- oder dieselbe dann eine Handvoll Vereine aus einer Liga, die nicht Woche für Woche im Free- oder Pay-TV zu sehen ist, aufzählen soll, dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Abseits der perfekt kommerzialisierten Hochglanzprodukte von Premier League, Primera División und Co. geht es aber da wie dort um Emotionen auf den Rängen, um Lokalkolorit und die Grundeinstellung: „Support your local team.“

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Johnny Ertl
“Auch wenn ich nicht der Super-Techniker bin, hau’ ich mich immer voll rein.”

Für unser neuestes Interview haben wir uns mit jemandem getroffen, der so viele Facetten des Fussballs abdeckt wie kaum ein anderer. In seiner aktiven Zeit hat er in Österreich und England gespielt, dazu auch noch einige Einsätze fürs Nationalteam absolviert. Als er dann die Fussballschuhe an den Nagel gehängt hatte, wurde er in den Vorstand seines letzten Vereins gewählt. Die Rede ist von “teenage mutant ninja ertl” – Fanliebling Johnny Ertl.  

Unser Redakteur Alexander Stegisch hat mit dem gebürtigen Grazer über dessen Zeit in England, das Funktionieren eines Mitgliedervereins wie dem FC Portsmouth und die aktuelle Weltmeisterschaft in Russland gesprochen. Nachdem Johnny mittlerweile als TV Experte und Kommentator bei Puls4 bzw. DAZN das Fussballgeschehen genauestens analysiert, ist der Druck beim WM-Tippspiel entsprechend hoch. Zusätzlich berichtete er noch über die “Neymar Jr’s Five” Turnierserie und seine Rolle bei diesem internationalen Projekt.  

© Alexander Schwarz

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