Das Zeit- und Strafraum Kontinuum
Minute 50 – Die Bibel und der Boom

Ein genialer Vierzigmeterpass überbrückt die gegnerische Abwehr. Der Stürmer nimmt den Ball mit der Brust an, legt ihn sich nochmals mit dem linken Oberschenkel zurecht, lässt ihn kurz auf den Rasen päppeln und drückt mit aller Kraft seines rechten Fußes ab. Heroisch wirft sich noch ein von der Seite heranrutschender Verteidiger in die Schusslinie – zu spät. Aber auch egal, denn der Ball wird in etwa zehn Meter über das Tor in Richtung Zuschauermenge katapultiert.

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Das Zeit- und Strafraum Kontinuum
Minute 45+1:
Sex or Soccer? Kicker und Ficker bei der geilsten Nebensache der Welt

Was bisher geschah:

Hier könnt ihr euch die bisherigen Einträge rund um die fünf Jungs, die vor dem Fernseher ein Fussballspiel verfolgen, lesen. Nun aber viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe:


Zum x-ten Mal wird die erotischste Szene der ersten Halbzeit im TV wiederholt. Der Freistoßschütze zieht sich im Zeitlupentempo die eng geschnittene Hose hinauf, sodass die knappen Hosenbeine nach innen verschwinden. Sein bestes Stück wird nur noch bedeckt von einem Hauch aus Polyester und Baumwolle. Quasi ein modernes Feigenblatt, wie es einstmals den Intimbereich barocker, humanistischer Davidfiguren verdeckte. Der Schütze weiß, dass der Vergleich mit Michelangelos David durchaus berechtigt ist. Beide werden sie bewundert, über beide werden Geschichten geschrieben, Bilder vervielfältigt und Legenden gesponnen. Beide sind sie übermenschlich muskulös geformte Statuen: der eine aus weißem Marmor, der andere aus Fleisch und Blut. Beide verstecken ihre göttlichen Körper nicht vor den voyeuristischen Augen ihrer Betrachter. Beide tragen ihr Haar im zeitgemäßen Stil: der eine lockig, der andere pomadig. Der Blick des Schützen, kurz bevor er zum Stoß anrennt, ist ähnlich stechend wie Davids Augen. Hier endet die Gemeinsamkeit. David ist ein Held, eine biblische Figur, in Stein gemeißelt, aber zugleich zurückhaltend, bescheiden, einer von uns. Nicht so der Schütze: Seine Augen wenden sich uns zu. Er sucht den Blickkontakt, weiß, wo die Kameras ihm am besten in die Augen schauen, damit sein Blick die Zuschauer durchbohren kann. Damit gibt er zu verstehen: Betrachtet mich, weidet euch an meiner Schönheit, meinem Körper, meiner Überlegenheit, meiner Übermenschlichkeit, meinem Über-Ich. Zugleich sollt ihr wissen, dass ich kein Spiegelbild euresgleichen bin. Ich bin mehr. Ich bin besser – unerreichbar, in Ewigkeit, Amen. Der Schütze ist ein selbsternannter Messias, der sein eigenes Fleisch zur lebenden Statue meißelt, ein Blender, dem nur die verlorenen Fussballseelen folgen. Selbstsicher in seiner Arroganz, einer von denen da oben, keiner von uns. Während die Bilder immer wieder laufen, herrscht auf der gemütlichen Couch Normalbetrieb: Man trinkt, gähnt, lacht, tippt etwas ins Handy oder kratzt sich am Hintern.

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Das Zeit- und Strafraum Kontinuum: 
Minute 48 – Fussballeuropa der Regionen, ein Planspiel (Teil 2)

Was bisher geschah:

Hier könnt ihr euch die bisherigen Einträge rund um die fünf Jungs, die vor dem Fernseher ein Fussballspiel verfolgen, lesen. Nun aber viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe:


Die fünf Freunde reden sich in ihren Europa zersetzenden Planspielrausch.

Adelmann: „Südtirol, seit Jahren bestens funktionierende Kleinstregion Italiens, wird die Gelegenheit zum „Anschluss“ an Tirol, die sich durch den Zerfall anderer italienischer Regionen eigentlich ergab, nicht nutzen. Es wird einen eigenen Kleinststaat ausrufen. Hauptsächlich deshalb, weil Österreich wegen dem Wegbrechen der Steiermark und Kärntens – aber noch nicht Krains, das trotz Bestrebungen eines Zusammenschlusses des alten Herzogtums Steiermark, Kärnten und Krain wegen des von den Krainern als sinnlose angesehenen Großstaatdenkens Sloweniens noch slowenisch bleiben wird müssen – auf einen kleinen mitteleuropäischen Streifen zusammengeschrumpft ist, der in den Augen Südtirols keinen Zusammenschluss wert ist. Den Vereinen wird das nur zugutekommen, da sie sich lokalen Derbys widmen können und endlich keinem europäischen Konkurrenzkampf mehr ausgeliefert sein werden. Sturm gegen Wolfsberg wird ein Klassiker werden.“

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Das Zeit- und Strafraum Kontinuum: 
Minute 45+2 – Vierundvierzig beseelte Füße ihn zu streicheln

Was bisher geschah:

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Stegisch: „Kannst du bitte deine Käsefüße aus meinem Gesicht nehmen?“

Die Fünf sitzen, liegen und lehnen auf und rund um eine zu klein geratene Couch im Wohnzimmer. Von dort aus sind ihre Blicke auf den zu groß geratenen Fernsehbildschirm gerichtet. Vier zusammengerückte Freunde finden Platz am ledernen Sofa. Dem Fünften bleibt der ungeliebte Teppich am Fußboden. Jeder, der aufsteht, um sich Erfrischungen zu holen oder sich zu erleichtern, hat unweigerlich das Pech, den fünften Platz einzunehmen. Ein Gang zur Toilette ist folglich stets ein wohlüberlegter Schritt. Die neue Innovation am Teppich ist seit kurzem ein großer Polster, der eigentlich zum darauf Sitzen gedacht ist, gerne aber auch als Kopfkissen benutzt wird. Doch wandert der Kopf des unbequem liegenden Fünften auf den Polster, kommt er den Füßen der vier erhaben Sitzenden oft gefährlich nahe. Eine leichte Fuß-Kopfkollision führte diesmal zur Käsefüßeaussage von Stegisch und eröffnet sogleich ein neues Gesprächsthema.

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Das Zeit- und Strafraum Kontinuum: 
Minute 48 – Fussballeuropa der Regionen, ein Planspiel (Teil 1)

Was bisher geschah:

Hier könnt ihr euch die bisherigen Einträge rund um die fünf Jungs, die vor dem Fernseher ein Fussballspiel verfolgen, durchlesen. Nun aber viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe:


Schwarz: „Vielleicht geht es in naher Zukunft nicht mehr ums Leiberl Kaufen. Vielleicht besinnen wir uns fußballerischer Werte: Eintracht statt Zwietracht, Spaß statt Geld, Arbeiterverein statt Konsumausverkauf, spielen, nicht wetten.“

Adelmann: „Ein Wunschdenken.“

Stegisch: „Ein schönes Wunschdenken. Ich wünsche mir dabei auch wieder mehr Rückhalt zu einem Verein. Keine Schönwetterfans, die den Verein jährlich nach deren Erfolg aussuchen. Keine Fans, die immer zu den Gewinnern halten, damit sie niemals zu den Verlierern gehören – auch ein Spiegel unserer erfolgssüchtigen Gesellschaft.“

Troissler: „Wünsch dir was!“

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