Fussball ist...
Arsène Wenger

Es heißt, wenn dich 50 Prozent der Leute lieben und 50 Prozent der Leute hassen, ist das die perfekte Voraussetzung, um ein Rockstar zu werden. Dass solche Weisheiten oft nicht mal das Papier wert sind, auf dem sie stehen, beweist der Protagonist dieses Textes: Arsène Wenger. Kaum ein Fussballtrainer hat in den vergangen Jahren die Anhänger eines Vereins so sehr gespalten wie er. Und doch könnte das Rockstar-Image nicht weiter von ihm weg sein. Nach dem gerade verpassten Einzug in das Europa League Finale hat er noch zwei Spiele auf der Betreuerbank des FC Arsenal vor sich. Tritt er Ende Mai (zumindest) von der Londoner Bühne ab, kann man wahrlich vom Ende einer Ära sprechen. Einem Ende, dass von den höchsten Höhen und aus Fan-Perspektive wohl auch von den tiefsten Tiefen geprägt wurde.

Wenger out!


Meine Geschichte beginnt dieses Mal mit dem Ende. Am 20. April 2018 verweilte ich gerade im Herzen Italiens, als mich die Nachricht eines Freundes erreichte: Wenger out! Eine Botschaft, die mittlerweile schon Kultstatus genießt. An folgenden Orten wurden in den vergangen Jahren Schilder mit derselben Message gesichtet: WM Qualifikationsspiel zwischen Neuseeland und den Fiji Inseln, Wrestlemania, bei einer Anti-Trump Demo in London, einem Fussballspiel in der MLS (Amerikanische Liga) zwischen Minnesota und Atlanta, einem Rugby Match in Vancouver oder bei einem Coldplay Konzert in Singapur. Die Liste ist noch nicht vollständig, bei weitem nicht. Für Leute mit einem Fetisch für solche Dinge empfehle ich den Twitter Account @wengeroutsigns.

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Dieses Mal sollte es aber nicht bei der Sichtung eines neuen Schildes bleiben, dieses Mal war es echt. Wenger hat an besagtem Tag seinen freiwilligen Rücktritt mit Saisonende erklärt. Wobei die Freiwilligkeit eher an einen gemeuterten Schiffskapitän erinnert, der von Säbeln bedroht auf der Planke steht und “lieber” springt. Während die Beendigung des Dienstverhältnisses per se nicht wirklich überrascht, war der Zeitpunkt der Bekanntgabe doch recht wunderlich, zumal bis heute noch kein Nachfolger bekannt gegeben wurde. Offenbar wollte Stan Kroenke, Mehrheitseigentümer des FC Arsenal, nicht denselben Fehler wie im Vorjahr begehen, als Spekulationen rund um eine etwaige Vertragsverlängerung Wengers letztlich sowohl Verhandlungen mit Spielern (Alexis Sanchez), als auch die Leistungen im Saisonfinish maßgeblich beeinflusst haben.

…im Alleingang den englischen Fussball aus dem “Kick-and-Rush”-Zeitalter geführt


Aber wie konnte es nach 22 Jahren zu so einem unrühmlichen Ende kommen? Dass unsere Gesellschaft mit dem Altern nicht so recht klar kommt, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Es sieht leider so aus, als ob auch Wenger damit seine Probleme hat. Wir reden hier immerhin von dem Mann, der mehr oder weniger im Alleingang den englischen Fussball aus dem “Kick-and-Rush”-Zeitalter geführt und mit seinem modernen Flügelspiel die restliche Liga schwindlig gespielt hat. Die Geschichte rund um das als “The Invincibles” bekannte Team von 2003/04 ist bekannt. Aber auch abseits des Spielgeschehens hat er den Fussball revolutioniert. Er war der erste Trainer, der es für eine gute Idee hielt, dass Spieler auch in der Freizeit auf ihre Ernährung achten. Während das obligatorische Speck-Sandwich mit Pommes und einem Pint Beer dazu als die Erholungsmahlzeit schlechthin galt, legte er darauf Wert, dass sich seine Spieler von Pasta, Gemüse und Fisch ernähren. Seine Liebe zum Detail ging sogar so weit, dass er eine aktive Rolle in der Gestaltung des neuen Stadions einnahm und sich zum Beispiel persönlich um die Größe, Form und Funktionalität der Mannschaftskabine kümmerte, um auch noch die letzten Prozente aus den Erholungsphasen seiner Spieler rauszukitzeln.

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In den letzten Jahren ist ihm diese Vorreiterrolle allerdings abhanden gekommen. Immer wieder hat er sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass bei den Gunners ein Sportdirektor installiert wird. Eine Rolle, die im modernen Fussball eigentlich nicht mehr wegzudenken ist, da sie Trainern dabei helfen soll, sich mehr auf das Geschehen am Platz zu konzentrieren und weniger um anderen Dinge kümmern zu müssen. Natürlich fasste Wenger Vorschläge dieser Art als Majestätsbeleidigung auf und erhielt über viele Jahre Rückendeckung von Kroenke, der neben den Arsenal-Anteilen auch noch ein NFL, ein NBA, ein NHL und sogar ein MLS-Team besitzt. Dass dabei ausschließlich wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, versteht sich von selbst. Abhängig davon, welcher Liste man Glauben schenkt, ist Arsenal der sechstgrößte Fussballverein der Welt. Durch das vermeintlich wiederholte Nichterreichen der Champions League sah Kroenke das Ansehen der Marke in Gefahr und beschloss die Zusammenarbeit mit Wenger mit Saisonende zu beenden. Anzeichen dafür gab es in den vergangenen Monaten so einige. Letzten Sommer wurde bereits ein neuer Chefscout eingestellt, im November dann auch noch ein “head of football relations”. Letztlich wurde die Rolle des Sportdirektors aufgeteilt und unter Pseudo-Bezeichnungen eingeführt. Bezeichnend war auch die Pressekonferenz zu Arsenals letztem Transfer: Als Konstantinos Mavropanos im Winter vorgestellt wurde, hatte Wenger ihn lediglich als “dieser griechische Junge” betitelt.

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Da sich auch der Widerstand der Fans in Grenzen hielt, geht die Wenger-Ära im Sommer zu Ende. Sollte der Plan, das Emirates Stadium in das Arsène Wenger Stadium umzubenennen, nicht aufgehen (was in Zeiten, in denen der Verkauf eines Stadionnamens Millionen von Pfund einbringt, völlig normal wäre), wird Wenger wohl einen Platz neben den Legendenstatuen rund um das Stadion einnehmen. Mit Ken Friar, Dennis Bergkamp, Herbert Chapman, Tony Adams und Thierry Henry ist jedenfalls gute Gesellschaft gewährleistet.

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