Kurvenblick
Süditalien-Tour:
Ein Lokalaugenschein im Land der Ultras

Warum habe ich damals nicht „nein“ gesagt? „Nein Papa, geh du alleine zum Fussball! Fussball interessiert mich nicht! Fussball ist langweilig!“ Was wäre mir nicht alles erspart geblieben: schmerzende Knochen und lädierte Gelenke; das Gefühl, wenn man wieder mal eine 0:10 Klatsche bekommen hat; bei Minusgraden im Gästeblock des Mattersburger Pappelstadions die nächste sportliche Enttäuschung erleben; tausende Kilometer und unzählbare Stunden quer durch Europa mit Auto, Bus, Bahn oder in der Luft zum nächsten Spiel reisen. Vielleicht hätte ich mich unter anderen Umständen nie für Fussball interessiert. Doch es kam anders. Anstatt vor dem Bildschirm zu hocken und irgendwelche Online-Games zu zocken, tingeln wir zu dritt im Dunkeln über die „Strada del Sole“ durch die italienische Pampa zwischen Kalabrien und Kampanien. Aber alles der Reihe nach.

Zwischendurch dachte ich schon, der Pilot wollte mit uns bis nach Rom fahren anstatt zu fliegen, so lange rollten wir auf der Landebahn in Zürich herum. Doch dann drückte uns der Schub des spärlich gefüllten Alitalia-Fliegers in die Sitze und nach unspektakulären 90 Minuten waren die Alpen überquert. Dank sagenhaft schlechter Beschilderung erreichten wir in Rom nur kurz vor knapp den Anschlussflug nach Brindisi. Genau ein Jahr nach meinem letzten Besuch in der Region Apulien nahm ich dort meinen Miet-Flitzer wieder in Empfang, sammelte die restlichen Mitfahrer aus Österreich am Bahnhof ein und ab ging es nach Lecce zur Abendpartie gegen Ascoli in der Serie B. Ciao Bella! Schön, wieder italienische Luft zu schnuppern.

Ich kann es nicht genau erklären, warum ich den Calcio so sehr liebe. 

An diesem Punkt schadet es nicht, sich kurz vor Augen zu führen, mit welchen Problemen die Menschen in diesem Teil von Italien zu kämpfen haben. Trotz aller landschaftlichen Schönheit und Vielfalt sind die südlichen Regionen ja in punkto Wirtschaft nicht gerade mit einem riesigen Arbeitsmarkt gesegnet. Ohne Arbeit kein Geld und ohne Geld kein Fussball. Zog man früher zwecks Arbeit in den Norden, suchen heute vor allem die Jungen (je nach Statistik spricht man von einer Jugendarbeitslosigkeit von 45% in Apulien und über 50% in Kalabrien) ihr Glück auf Malta, in England, Deutschland oder Spanien. Traurige Spitzenwerte, die innerhalb der EU nur von einzelnen Regionen Spaniens oder Griechenlands übertroffen werden. Natürlich gibt es auch im Süden Arbeit, davon leben kann man aber oftmals leider nicht. Dass die Schwarzarbeit sowie der Schwarzmarkt im Gewerbe blühen, ist kein Geheimnis. Die besten Chancen auf einen regulären Job bestehen wohl noch in Gegenden mit Sommertourismus, dieser beschränkt sich aber naturgemäß nur auf eine bestimmte Zeitspanne im Jahr. Positive Tendenzen zeigen sich vor allem in Regionen mit besonders schönen Stränden, jedoch sind auch dort viele Küstenabschnitte und vor allem gewaltige Flächen im Hinterland völlig verschmutzt, heruntergekommen und mit illegal entsorgtem Giftmüll auf Jahrzehnte verseucht. Dazu kommt, dass mit der `Ndrangeta eine der stärksten Mafia-Clans Europas in Kalabrien beheimatet ist. Auf Außenstehende mag das vielleicht eine verklärte Faszination ausüben, für die lokale Bevölkerung erleichtert es die Lebensumstände keinesfalls.

Ist doch eh alles tote Hose, oder nicht?

Aber wieder zurück zu meiner Reise. Ich kann es nicht genau erklären, warum ich den Calcio so sehr liebe. Vielleicht ist es die Art und Weise, wie man in Italien zum Fussball geht, die mich so sehr fasziniert. Da kann man noch so gerne vom „Englischen Modell“ reden oder den Blick in deutsche Stadien werfen: Das Publikum in Italien lässt sich trotz zahlreicher Repressionen der Behörden zum Glück nicht verbiegen. Hier wollen die Leute kein Event mitsamt dem ganzen Klatschpappen-Schwachsinn, außer vielleicht bei Juve. Die Italiener gehen einfach mit einer unnachahmlichen Art und Weise ins Stadion. Jeder, der in der Serie A, der Serie B oder in einer anderen italienischen Liga schon mal ein Spiel besucht hat, dürfte mir hier zustimmen. Schwer vereinbaren lassen sich die Rahmenbedingungen des italienischen Fussballs allerdings mit der Zielgruppe Familie: extrem aufwendiger Kartenerwerb, sinnlose Verbote, Terminchaos und Spielverschiebungen Woche für Woche, hohe Preise sowie aberwitzige Anstoßzeiten machen einen gemütlichen kleinen Wochenendausflug mit den Liebsten so gut wie unmöglich. In diesem Zusammenhang wundert es eigentlich kaum, dass die Stadien zum Teil immer leerer werden.

Und trotzdem, da ist es wieder, dieses Kribbeln, das einen erfasst, wenn man weiß, dass jeden Augenblick die Flutlichter angehen werden. Dieses Funkeln in den Augen, wenn man das erste Mal Blickkontakt aufnimmt und sich wie in einem Rausch fühlt. Der Start in unser Calcio-Wochenende verlief an diesem Freitagabend im Februar aber leider wenig erfreulich: Die Begegnung zwischen Lecce und Ascoli wurde aufgrund einer schweren Verletzung eines Spielers nach nicht einmal einer Minute abgebrochen. In Erinnerung bleiben werden mir hier wohl nur die absolut unfähigen und überforderten Einsatzkräfte, die sich aufgrund ihrer Planlosigkeit den Ärger der Spieler und Fans zuzogen. Glücklicherweise konnte ich das grandiose Stadion von Lecce und dessen bemerkenswerte Fanszene bereits 2018 in der Serie C erleben, die Enttäuschung hielt sich meinerseits also in Grenzen.

“Mister Unseriös” weist uns bei der Einfahrt auf eine Parklücke hin und hält die Hand auf. 

Am Samstag ging es vom Stiefelabsatz rund 300 Kilometer weiter gen Süden, auf malerischen Küstenstraßen und völlig leergefegten, nagelneuen Autobahnen. Erst am Zielort Cosenza in Kalabrien kam dank samstäglichen Verkehrsaufkommens noch etwas Italo-Autofahrer-Feeling auf. Die Parkplatzsuche war untypisch rasch erledigt: “Mister Unseriös” weist uns bei der Einfahrt auf eine Parklücke hin und hält die Hand auf. Als Italien-Kenner zahlen wir die 50 Cent gerne, um den Mietwagen auch nach dem Spiel wieder heil zurück zu bekommen. Ein Ratschlag, den man in dieser Gegend geflissentlich befolgen sollte.

Cosenza war schon lange ein weißer Fleck auf meiner persönlichen Fußball-Landkarte. Irgendwie hatte es mit einem Besuch dort nie geklappt, das sollte sich nun ändern. Vor dem Stadion säumten nach und nach immer mehr Schals, Mützen und Fahnen das Bild – schnell noch ein Bierchen in der Ultras-Kneipe gezwitschert und das Treiben beobachtet. Prädikat: sehr gut! Das altehrwürdige Stadio San Vito ist eine Schüssel alter italienischer Prägung: riesigen Stehkurven, abgewrackte Tribünen und knarzende Lautsprecher, aus denen passend zur linken Heimszene Klassiker der Oi- bzw. Punk-Bewegung schallen. Sowohl in der riesigen Curva Sud, als auch im Unterrang der Gegengerade waren schon etliche Leute eifrig zugange. Ein derart buntes Bild aus Fahnen, Doppelhaltern und Transparenten über die gesamte Spieldauer ist man ja im heutigen Italien gar nicht mehr gewohnt, die Zaunfahnen waren allein schon aufgrund der Anzahl eine Wucht. Von der optischen Wirkung unterscheidet sich Cosenza doch relativ deutlich vom Gros der italienischen Kurven. Neben den Veronesi ließ man als erster den britischen Stil mit einfließen und verfolgt offen den Stil der 80er-Jahre. Im Gästeblock tummelten sich exakt zehn Weitgereiste, die genau einen Schlachtruf Richtung Rasen schafften und das Spiel danach stumm verfolgten.

Sonntägliches 3-Gänge-Menü in Kampanien

Nach dem Samstagsspiel ging der Ritt weiter Richtung Norden, in der Nacht auf Sonntag schlugen wir unser Lager am Fuße des Vesuvs in Torre del Grecco auf. Zeit, uns dieses wunderschöne Fleckchen Erde an der Amalfi-Küste näher anzusehen, blieb bei diesem Besuch aber nicht, hatte uns der Spielplan für Sonntag doch ein Drei-Gänge-Menü mit regionaler Feinkost aufgetischt. Die Metropolregion Neapel, mit über drei Millionen Einwohnern die dichtest besiedelte Region Italiens, bietet auf wenigen Kilometern „Ultra-Kultur” in Reinform. Hochburgen wie Ercolano, Torre del Greco, Torre Annunziata, Castellamare di Stabia, Pagani, Nocera, Cava de Tirreni, Angri und Salerno wachsen als Städte immer weiter zusammen und gehen teilweise direkt ineinander über.

Italien fängt erst südlich von Rom an so richtig spannend zu werden.

„Südlich von Rom beginnt Afrika“, so die vorherrschende Meinung mancher Norditaliener. Für sie sind die Regionen im Süden daher auch kaum mehr als Landstriche irgendwo in der dritten Welt und ganz Unrecht haben sie damit teilweise nicht. Kommt man in Neapel mit dem Zug an der Stazione Centrale an, wähnt man sich zuallererst eher in Nordafrika als in Europa. Unser Weg führte uns durch Armenviertel, wie man sie in einem Kernland der EU so nicht erwartet. Auf der höher gelegenen Stadtautobahn zeigte sich uns das Ausmaß der vom Glück nicht gerade strotzenden Peripherie. Abgeschlagene Häuserfassaden, riesige Wohnghettos ohne einer Menschenseele auf der Straße, ausgeschlachtete Autos, mit Sperrmüll verstopfte Pannenbuchten, mit Abfall übersäte Innenhöfe und in der Ferne der mahnend vor sich hin dampfende Vesuv. Aber sind wir uns ehrlich, Italien fängt erst südlich von Rom an so richtig spannend zu werden. Und oftmals ist es gerade dieser etwas raue Charme, der die Besonderheit ausmacht.

10:30 Uhr: Giugliano – Virtus Ottaviano
Eccellenza Campania (5. Liga)

In Giugliano in Campania erwartete ich eher einen ruhigen, verschlafenen Sonntagvormittag, aber hier steppte bereits um 9:30 Uhr der Bär. Völkerwanderung, für Italien typisch natürlich mit dem Auto, volle Bars und Cafés, Marktstände direkt an der Straße und dazwischen Kirchgänger. Da wurde gequatscht und gehandelt, sich vor allem aber auch zufällig getroffen. Ein prächtiges Bild wie aus einer Reisedokumentation. Es passte perfekt ins Bild, dass sogar für diesen Kick in der 5. Liga (Eccellenza Campania) Eintrittskarten nicht im Stadion, sondern in einer typischen Kombi aus Café, Bar und Wettbüro zu erwerben waren. Gespielt wurde übrigens dann nicht in Giugliano, sondern in der Nachbargemeinde Mugnano.

Wir standen also an einem Sonntag um 10:30 Uhr in einer der unzähligen Vororte Neapels bei einem Spiel in der 5. Liga. Und genossen jeden Augenblick in vollen Zügen. Meine beiden Reisegefährten standen mit einem ebenso breiten Grinsen da, wie ich es im Gesicht hatte. Was diese 70 bis 80 Mann (von insgesamt vielleicht 250 Besuchern) um die Briganti ablieferten, war purer Genuss. Ich weiß gar nicht, wie ich diese Intensität, die Gesänge, die Fahnen und all das Drumherum anders beschreiben soll, als einen einzigen Ohren- und Augenschmaus. Ich streiche diese Minuten ganz bewusst hervor. Wir waren uns in diesem Moment einig, schon lange nicht mehr etwas so Cooles miterlebt zu haben. Dazu noch ein kleines, feines Stadion, mehr ein Sportplatz mit zwei überdachten Tribünen, einem Vereinsheim und das Ganze umrandet von typisch italienischen Wohnhäusern. Man spürte einfach die Authentizität, die Ultras in Italien ausstrahlen. Der Spruch „Ultra senza categoria” (Ultra unabhängig der Klasse), der auf einem kleinen Stück Tapete im Stadion zu lesen war, fasste dieses Erlebnis perfekt zusammen. Im Rahmen unserer Fussballreisen haben wir doch schon so einiges erlebt, lodernde Feuer in Belgrad oder massive Randale in Polen. Aber dieses Schauspiel war absolut eindrucksvoll. Wir hatten „Ultra“ gesucht, wir hatten „Ultra“ gefunden. Wir hätten also zufrieden nachhause fahren können, taten wir aber nicht. Direkt nach Abpfiff sattelten wir unser Gefährt und stauten uns einmal um Neapel herum in den Süden der Metropolregion bis Torre del Greco, eingepfercht zwischen Vesuv und Meer. Stau, Chaos, Hupen und wildes Gestikulieren. Alles, was das Herz begehrt.

14:30 Uhr: FC Turris – Bari
Serie D (4. Liga)

Das Stadio Amerigo Liguori ist ein Gedicht für sich. Warum hier jemand „Diese Stadt verdient ein Stadion“ an die Außenmauer pinselt, ist für mich somit nicht ganz nachvollziehbar. Die Lage inmitten von mehrgeschossigen Wohnblöcken mit ihren unendlichen Wäscheleinen und Fahnen auf den Balkonen ließ uns wieder mühelos und tief in die typisch süditalienische Atmosphäre eintauchen. Dazu noch der grosse FC Bari zu Gast, welcher 2018 nach neuerlicher Insolvenz den Gang in die 4. Liga antreten musste.

Der Zugang zur Gästetribüne befand sich direkt neben dem Eingang zur Heimtribüne, dahinter eine enge Gasse unmittelbar an den Schienen der Circumvesuvia. Dass es hier bei Anwesenheit von Gästen durchaus interessant werden könnte, kann man sich lebhaft vorstellen. Der Platzmangel im Umfeld des Stadions lässt ein rasches Eskortieren einer Buskolonne wohl kaum zu. Umso mehr verwunderte die Tatsache, dass an diesem Spieltag tatsächlich 150 Gäste aus Bari zugelassen waren. Diese Zahl wirkt zwar vorerst nicht viel, mit Blick auf den Bereich, der dort als “Gästesektor” bezeichnet wird, allerdings schon. Vier Betonstufen und eine meterhohe Plexiglaswand, that’s it. Das restliche Bauwerk ist rasch beschrieben. Eine große, in die Jahre gekommene Haupttribüne und gegenüber zwei separat stehende Stahlrohrtribünen ergeben eine Kapazität von knapp 5400 Plätzen. Am Eingang ging für uns das große Lamentieren bezüglich Zutrittsberechtigung los, war das Spiel doch restlos ausverkauft (aus Sicherheitsgründen für nur 3000 Personen). Unsere Mailanfragen im Vorfeld wurden entweder mit Stillschweigen oder einer Absage quittiert. Somit quatschten wir den erstbesten Ordner an, der mit unserer Frage völlig überfordert schien. Nach längerem Hin und Her mit ein paar Sicherheitsleuten wurden wir dann schließlich durchgewunken. Stilecht natürlich ohne Karten und ohne dass wir auch nur ansatzweise abgetastet oder unsere Rucksäcke kontrolliert worden wären. Dazu das ganze auf cool Machen der Sicherheitskräfte, obwohl niemand einen Plan hat. Italien live und in Farbe.

…das ganze auf cool Machen der Sicherheitskräfte, obwohl niemand einen Plan hat. Italien live und in Farbe.

Da es dort wohl eher weniger Touristen ins Stadion verschlägt, wurden wir innerhalb kürzester Zeit erwartungsgemäß als “Fremde“ geoutet. Die Reaktionen auf unsere Anwesenheit waren jedoch mehr als positiv, immer wieder wurden wir von unserem Gesprächspartner neuen Bekannten vorgestellt. Auf der Gegengerade versammelten sich unterdessen bereits die Fans der Heimmannschaft unter einer großen „Torre del Greco“-Fahne. Auch die Haupttribüne war prächtig gefüllt mit weiteren Stimmungsmachern. Fast müßig zu erwähnen, dass die gesamten 90 Minuten auch auf der Haupttribüne fast ausnahmslose im Stehen verfolgt wurden.

Zur 15. Minute wurde es richtig unterhaltsam. Die 150 Gäste aus dem 270 Kilometer entfernten Bari überzeugten mit einem astreinen Einlauf in ihren Block, was wiederum sofort in einem Orkan an Schimpftiraden der Heimseite gipfelte. Egal ob Schulkind, Ultra oder Rentner mit Stock, die drohenden Handbewegungen und jede nur erdenkliche Gestikulation plus Wortspende sind im guten alten Italien immer ein Muss. Danach stieg das gesamte Stadion in ein „chi non salta è un barese“ (Wer nicht hüpft…) mit ein, um im Anschluss nahtlos in ein brachiales „Barese pezzo di merda“ überzugehen. Begleitet noch von heftigen Böllerdetonationen und das Spiel nahm so richtig Fahrt auf. Turris konnte dieses Spitzenspiel schließlich knapp mit 1:0 für sich entscheiden. Die Siegesfeierlichkeiten gingen allerdings ohne uns über die Bühne, hatten wir doch noch ein weiteres Date 30 Kilometer südlich vor uns.

16:30 Uhr: Paganese Calcio-Potenza Calcio
Serie C (3.Liga)

Pagani. Wieder so ein Ort, wo es mich ohne den König Fussball nie im Leben hinverschlagen hätte. 34500 Einwohner, 40 Kilometer südlich von Neapel in der Provinz Salerno gelegen. „Herzlich Willkommen“ schallt es einem dort nicht unbedingt entgegen, wenn man durch die trostlosen Gassen fährt. Die beste Zeit, falls es diese überhaupt jemals gegeben haben sollte, scheint hier schon lange vorbei zu sein. Eine komische Stadt irgendwie, im Gegensatz zu Torre del Greco null Verkehr, kaum Menschen zu sehen, wenig Straßenbeleuchtung und die meisten Häuser, an denen wir vorbeikamen, waren abgedunkelt oder verrammelt. Nicht unbedingt ein Ort zum Verweilen.

Schnellen Schrittes eilten wir zum Stadio Marcello Torre und suchten so etwas wie einen Ticketverkauf. Wie sich herausstellen sollte, brauchten wir aber gar keine Tickets. Dem Ordner am Eingang erzählten wir von wegen “Stampa” (Presse) und von Mails, die wir geschrieben hatten. Schon wurden wir (wieder) durchgewunken.

Wir hatten „Ultra“ gesucht, wir hatten „Ultra“ gefunden. 

Das Stadion fasst nur 5000 Zuseher, wirkt jedoch sehr individuell. Eine unüberdachte Haupttribüne, die trotz einsetzenden Regens geöffnet war, eine überdachte und geschlossene Gegengerade und eine Stahlrohrtribüne als Heimkurve. Hinter einem Tor eine bröckelnde Steinmauer, an der sich an vielen Stellen die Natur ihren Platz zurückerobert hat und nebenan ein Gästesektor, der irgendwie noch in die letzte Ecke gezwängt wurde. Dort waren ca. 400 Mitgereiste aus Potenza bereits eifrig am Werk und verwöhnten unsere Gehörgänge ein letztes Mal an diesem Wochenende mit feinsten Italo-Chants. Auch die Heimseite war überraschend aktiv.
Hinter den großen Lettern „resistere per continuare ad esistere“ (Widerstand um weiter zu existieren) versammelten sich rund 200 Männer und Frauen mit einigen schönen Schwenkfahnen und durchgängigem Tifo. Mehr brauchte es nicht, auch hierhin hatte sich unsere Reise gelohnt. Man mag es ob der Tabellensituation (Letzter vs. Mittelfeld) kaum glauben, aber diese Partie in der Serie C (3. Liga) war vom Spielgeschehen her klar die unterhaltsamste an diesem Wochenende. 3:4 lautete am Ende das torreiche Resultat. Abgerundet wurde das Schauspiel mit einem malerischen Sonnenuntergang hinter der Heimtribüne, der die angrenzenden Häuser in ein wunderbares Licht tauchte. Fussballromantikerherz, was willst du mehr?

„Ultras nella vita-non solo alla partita“
Fussball in Italien macht Spaß!

Purer Fussball, einfach das nackte Stadionerlebnis mit allem, was dazugehört. Ohne unnötigen Firlefanz und pausenlose Werbung. Auch das gesamte Drumherum, die Affinität zur Mode, der Style, das ganze Auftreten an sich. Eine Welt, die nicht zu kopieren ist. Diese Stadionbesuche machten für mich wieder einmal deutlich, dass man sich wirklich nur vor Ort einen vernünftigen Eindruck anderer Länder und Fankulturen machen kann. Natürlich habe auch ich schon etliche Bilder gesehen, die bekannten Videos im Internet geglotzt, aber nichts ersetzt die Begebenheiten und vielen kleinen Details vor Ort: die abgefuckten Buden, der Ausblick vom Stadion auf die umliegenden Wohnhäuser und Hügel, die auf den Rängen spielenden Kinder, den Schiedsrichter beschimpfenden Opa im Sonntagsanzug, die Hitzköpfe an den Plexiglasscheiben zum Gästesektor, die Vibrationen bei einem gezündeten Böller.

Alla prossima! Wir kommen wieder!

Eine Zeit lang schien die Fußballleidenschaft in Italien abzuflauen, legendäre Gruppen gaben ihre Auflösung bekannt und die Zuschauerzahlen sanken kontinuierlich. Es fehlten die Farben, dazu kam die Einführung der Fancards und zahlreiche Verbote. Es schien, als hätte sich die Wucht der Repression um die Stimmbänder der Italiener gelegt. Im Süden Italiens schlägt es aber wieder, das Herz der Ultras. Alla prossima! Wir kommen wieder!

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