Das Zeit- und Strafraum Kontinuum:
 Minute 47 – vom Eckigen ohne Rausch

Was bisher geschah:

Hier könnt ihr euch die bisherigen Einträge rund um die fünf Jungs, die vor dem Fernseher ein Fußballspiel verfolgen, durchlesen. Nun aber viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe:


„…und das Eckige ist immer noch eckig, auch wenn die Stangen rund sind“, vollendet Adelmann den Satz. Die Fünf ersinnen jeder für sich das Eckige, bestehend aus zwei Stangen und einer Latte in ihrem Kopf: zwei gleich lange, parallel gegenüberliegende Stangen, je 2,44 Meter hoch, die eine Latte, 7,32 Meter breit, tragen. Ein Orthogon, dessen Winkelsumme 360 Grad beträgt.  Ein Rechteck, das eine riesige Trefferfläche bietet, etwa so groß wie ein Kleinlaster, ein Schiffscontainer, ein Scheunentor, ein Zugwagon oder ein Carport. 300 Fußbälle passen zugleich durch das Viereck. Es bietet unendlich viele Einschussmöglichkeiten, unendlich viele Wege für den Ball sein Ziel zu finden, unendlich viele Gelegenheiten für den Spieler den Ball zu versenken. Das Eckige, das Objekt der Torbegierde, ermöglicht ein grenzenloses Trefferfest. 

„Wieso fallen eigentlich so gut wie keine Tore?“ fragt Stegisch.
„Es steht 2:2. Spiel verschlafen? Ein bisschen müde gewesen in der ersten Halbzeit?“ provoziert Posch.
„Nein, ich meine generell. Das Tor? Riesig. Der Ball? Klein. Die Spieler? Profis? Die Zeit? 90 und mehr lange Minuten. Elfmeter oder weniger Entfernung zum Tor? Unmöglich daneben zu hauen. Also, wo bleiben die Tore? Warum ist nicht jedes Spiel ein Torfest-Reigen-Rausch?“
Troissler: „Ein ewiger Rausch für Fußballfans. Niemand kann und will je nüchtern werden.“
Posch kurz vorm Nippen an der Bierflasche: „Da braucht es wirklich keinen Alkohol mehr im Stadion. Prost.“
Adelmann: „So leicht ist das nicht. Spieler sehen ja nicht ununterbrochen ein riesiges, offenes Scheunentor, in dem es den Ball nur kurz zum Reinschieben gilt. Abgesehen von schnellen Bewegungen, unvorhergesehenen Momenten und Gegnern, können die Spieler sich nicht zu 100 Prozent auf die Größe vom Eckigen konzentrieren. Meist sehen sie es nur aus dem Augenwinkel, wenn überhaupt. Hier kommt der Instinkt des Einzelnen zur Geltung. Tore fallen ja auch, weil einfach mal in Richtung Tor gefeuert wird.“
Troissler: „Die Besten sind genau diese Instinktspieler: die Schnelldenker, Richtigsteher, Genieblitzer, Überzuckerer, Übernaserer, Überkicker.“

Posch: „Ich glaube, das hat auch psychologische Gründe.“
Stegisch: „Meinst, weil die meisten Spieler aus ärmlichen Verhältnissen kommen, den Mediendruck auf Facebook nicht standhalten und ihre eigene Mami lieben, wie es vor ihnen nur Ödipus getan hat?“
Troissler: „Ödipus wär’ ein super Name für einen brasilianischen Spieler. Der hätte ideal mit Sokrates zusammengespielt, glaube ich.“
Adelmann lachend: „Haha, Ödipus zu Sokrates, weiter auf Anaximander, in der Mitte lauert Nemesis, gedeckt von Aristoteles. Flanke Anaximander. Nemesis köpft, vorbei am Torwart Prometheus, der nach dem Treffer wütend und schnurstracks das Stadion verlässt, um seiner Mannschaft das Feuer aus dem Götterkeller zu holen.“
Posch: „Ich meine den Blick des torschussbereiten Spielers. Der konzentriert sich in erster Linie auf den zappelnden Tormann, nicht auf das Tor dahinter. Und dann trägt dieser meist noch eine auffällige grelle Farbe…“
Schwarz: „…das Farbenthema schon wieder. Das hat mir bereits eine wertvolle Minute der ersten Halbzeit gekostet…“
Posch: „…All das lenkt den Schützen ab. Anstatt vorbei zu schießen, den leeren Raum nutzend, knallen die meisten den Ball affektiert auf das zappelnde, grell leuchtende Tormännlein vor ihnen.“

Am Bildschirm schieben sich die Innenverteidiger uninspiriert den Ball hin und her. Der eröffnende Pass in die Tiefe lässt auf sich warten. Hohes Pressing, nach dem vergebenen Freistoß, scheint für die Stürmer noch keine Option zu sein. Die Kamera schwenkt kurz auf die Trainer. Der eine blickt geschockt-zufrieden, weil sein Keeper den Ball hielt, der andere geschockt-enttäuscht, weil der gegnerische Tormann den Ball hielt. Troissler nippt unterdessen am Bier, Adelmann am leichten Sommerspritzer. Stegisch, Zeuge des unglaublichen Freistoßes, tippt das eben Gesehene als Nachricht für arbeitende Kollegen ein. Posch gähnt leicht.
Schwarz: „Die Seltenheit der Treffer ist nicht zu kritisieren. Gerade das Außergewöhnliche am Tor macht dessen Reiz aus. Ein ständiger Torreigen führe zur unerbittlichen Mechanik des Einschlafens. Immer und immer wieder Tore, das ermüdet. Ein stetes Torfestival wird somit schnell zum sommerlichen Frühschoppen mit schlechter Blechmusik und kalten, gesegneten Brathänderln. Immer im Rausch, das führt zum Absturz. Das Spiel verliere seine Spannung. Auf den Rausch folge die Ernüchterung. Die Fans verließen das Stadion. Nur mehr Trunkenbolde ergäben sich dem unendlichen Torrausch.“

Troissler: „Vom Reigen in die Traufe.“
Posch: „Ich gebe dir Recht. Wiederholungen verhindern Außergewöhnliches. Tore sind der Höhepunkt jedes Spiels. Schüsse, die daneben gehen, steigern die Spannung. Dem Schuss an sich haftet die Schicksalhaftigkeit eines eventuellen Misslingens an. Dadurch wird jeder Torschuss zum Trauer- oder Lustspiel, zum Drama. Tore selbst werden zum absolut Erreichbaren. Sie sind Krönung, Glanzpunkt, Maximum. Sie stiften Sinn. Tore sind die durch Anstrengung zu befriedigende Begierde von Fans und Spielern. Da darf dann schon einmal danebengezielt werden. Das erhöht im Endeffekt nur die Dramaturgie und regt an Neues zu probieren, den Spielwitz zu erhöhen, die Gegner auszustanzen, um schließlich einzunetzen.“

Stegisch: „Du meinst, die Erotik des Fußballs ist der spärliche, aber explosive Torjubel?“
Posch: „Ja. Der Reiz des Spiels ist der Geiz mit Toren. Es verschleiert seine Schönheit für Minuten, manchmal Stunden, und zeigt erst beim Treffer seine Leidenschaft.“
Stegisch: „Manch ein Flitzer zeigt auch seine ganze Leidenschaft. Schade, dass die nicht mehr offiziell gefilmt werden.“
Adelmann: „Schade, dass die nicht mehr weit kommen.“
Troissler: „Lasst die Flitzer laufen!“
Stegisch: „Gründen wir die Flitzer-Befreiungsarmee. Unsere Bedingungen für die Fifa:
1. Lasst die Flitzer laufen
2. Filmt die Flitzer
3. Kürt den Flitzer des Jahres
4. Professionalisiert die Flitzer. Jedes Champions League Team bekommt einen Profi-Flitzer.“

Schwarz: „Die Profis können auch Flickflacks, Saltos und Purzelbäume schlagen.“
Adelmann: „Leider wird sich das nicht durchsetzen.“
Stegisch: „Wieso nicht?“
Adelmann: „Der Leiberlverkauf für Fans ist schwer bis nicht möglich. Da hat man keine Chance. Die Marke `Flitzer´ ist nicht zu verkaufen.“

© spielfrei.at

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