Nachlese: Ein Hoch auf die Pfeife

Rechtzeitig vor Weihnachten melden sich Adelmaier und Steghauser nochmals zu Wort und haben Episode 8 in ihrem Geschenkesack. In der aktuellen Ausgabe des Podcasts geht’s um jene, die oftmals im Zentrum stehen, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollen und sollen – die Schiedsrichter. Das Wichtigste aus der neuen Episode gibt’s hier in der neuen Nachlese.

© spielfrei.at
Doppelt hält besser

„Kein Spiel ohne Schiedsrichter“ heißt die aktuelle Kampagne des Österreichischen Fussballbundes (ÖFB). Das Ziel der Kampagne: Interessierte von der Vielfalt der Aufgaben überzeugen und sie für eine Laufbahn in der Schiedsrichterei zu motivieren. Und das Land braucht neue Schiedsrichter, denn ohne sie kann der sportliche Wettkampf am Feld gar nicht stattfinden. Oder zumindest nicht so, wie es die obersten Regelhüter des Fussballs geplant haben.

Ein Spielfeld ohne Schiedsrichter? Nur schwer vorstellbar möchte man meinen. Zu Beginn der Fussballgeschichte im 19. Jahrhundert aber der Regelfall. Unsere beiden Podcaster treten eine Reise in die Vergangenheit an:

das Land braucht neue Schiedsrichter, denn ohne sie kann der sportliche Wettkampf am Feld gar nicht stattfinden.

In den ersten zehn Jahren des Fussballs übernahmen die beiden Mannschaftskapitäne die Aufgabe, die Einhaltung der Regeln zu überprüfen. Erst im Jahr 1873 – dem Jahr, in dem zuletzt eine Weltausstellung in Wien stattfand – wurde der Schiedsrichter im Fussball eingeführt. Und mit ihm zwei Unterschiedsrichter, auch „Umpire“ genannt. Ein Begriff, den man auch heute noch beispielsweise aus dem Tennis kennt.

“Unterschiedsrichter”? Ja, genau. Diese beiden tummelten sich auf dem Platz, waren für die Regeleinhaltung verantwortlich und trafen ihre Entscheidungen im Konsens. Nur wenn sich die beiden einmal nicht einer Meinung waren, wurde der Schiedsrichter, der damals schon als „Referee“ bezeichnet wurde, zurate gezogen. Dieser nahm inzwischen am Spielfeldrand Platz und verfolgte das Spiel von dort. Er war quasi die letzte Berufungsinstanz im Spiel. Mit Bier in der Hand, so zumindest die Vorstellung von Adelmaier und Steghauser.

Knapp 20 Jahre lange wurde nach diesem Prinzip vorgegangen, bis im Jahr 1891 eine größere Änderung des Regelwerks anstand. Die Umpires wurden wieder abgeschafft und durch zwei Linienrichter (the artists today known as „Schiedsrichter-Assistenten“) ersetzt. Der Schiedsrichter selbst erhielt durch die Regeländerung seine heutige, zentrale Funktion auf und nicht mehr länger neben dem Spielfeld.

Back to the Future

… oder besser gesagt in die Gegenwart. Die Hackordnung ist nunmehr seit vielen Jahrzehnten die gleiche: Der Schiedsrichter ist Hauptverantwortlicher für die Regeleinhaltung und seine Assistenten unterstützen ihn. Und die Unterstützung für die Schiedsrichter wird immer ausgefeilter. Mit technischen Hilfsmitteln wie der Torlinientechnologie oder neuerdings dem Videobeweis wird versucht, für noch mehr Gerechtigkeit im Spiel zu sorgen.

In Deutschland läuft aktuell eine hitzige Debatte über den VAR – den Video Assistant Referee. Sowohl Befürworter als auch Skeptiker sind mit so manchem guten Argument ausgestattet. Für unsere beiden Spielfrei-Podcaster ist die Lage klar: Die Diskussion sei irreführend. Es sollte in der Diskussion nicht darum gehen, „ob“ man die technischen Hilfsmittel einsetzt, sondern „wie“. Das übergeordnete Ziel, das Spiel fairer machen zu wollen, sei diskussionslos.

Aktuell mangle es vor allem an Transparenz in der Entscheidungsfindung. Spieler, Trainer und Zuseher bekommen mit, dass der Video-Referee Einfluss auf das Spiel nimmt, aber ein Einblick auf die Entscheidungsfindung der Unparteiischen fehlt leider gänzlich. Hier könnte sich der Fussball Anleihen bei anderen Sportarten, wie beispielsweise dem American Football, nehmen. In der NFL sprechen die Schiedsrichter über die Stadionlautsprecher direkt zu den Mannschaften und zum Publikum und erklären, warum Entscheidungen getroffen wurden, wie sie eben getroffen wurden. Auch die Einführung von sogenannten Challenges wäre denkbar. Hier könnten die Teams selbst den Videoschiedsrichter anfordern, wenn sie es im Bedarfsfall für notwendig halten. Wenn man dabei nicht die Büchse der Pandora öffnet, sondern diese Möglichkeit zugunsten des Spielflusses klug einschränkt (z.B. zwei Challenges pro Team pro Spiel), könnte sich diese Idee als durchaus hilfreich herausstellen. Es gilt abzuwarten, was sich die Regelhüter bei der FIFA in den kommenden Jahren einfallen lassen werden. Bis dahin werden sich Befürworter und Skeptiker weiter die Argumente der Gegenseite anhören müssen. Apropos FIFA – wir kommen zum Thema Geld.

Das liebe Geld

Ist es gerecht, wenn Schiedsrichter nur einen Bruchteil von dem verdienen, was Fussballprofis verdienen, obwohl sie eine sehr zentrale und wichtige Rolle im Spiel einnehmen? Auch dieser Frage haben sich Adelmaier und Steghauser angenommen.

In Österreich gibt es aktuell keinen Vollzeit-Profischiedsrichter, obwohl der Aufwand, den sie betreiben, riesengroß ist (An- und Abreise zu den Spielen, Training, etc.). Alle sind Halbprofis und gehen noch einer anderen Tätigkeit nach. Auch in Deutschland ist die Schiedsrichterei Ehrenamt. Es gibt jedoch Vollzeit-Profischiedsrichter. Die Bundesligaschiedsrichter erhalten dafür eine Basisvergütung von bis zu 75.000 Euro pro Jahr (für FIFA-Schiedsrichter). Hinzu kommen noch 3.800 Euro pro Spiel als Schiedsrichter im deutschen Oberhaus. Macht in Summe rund 200.000 Euro pro Jahr, wenn man an die 30 Bundesliga-Spiele im Jahr pfeift. Das Honorar für die internationalen Spiele mal ausgeblendet.

Der Wettskandal von 2005 in Deutschland lässt grüßen.

Und wie schaut’s jetzt mit der Gerechtigkeit aus? Verglichen mit einem Durchschnittsverdiener in Deutschland ein ausgesprochen guter Verdienst. Vergleicht man den Verdienst der Schiedsrichter jedoch mit jenem der Profifussballer und zum Teil auch mit den Verbands-Funktionären, dann steht unter dem Strich in Relation ein geringer Verdienst. Für die Frage der Gerechtigkeit ist also der Maßstab entscheidend. Manche Stimmen fordern, die Entlohnung für Schiedsrichter zu erhöhen, auch um sie widerstandsfähiger gegenüber möglicher Bestechung zu machen. Die einfache Logik dahinter: Wenn der Verdienst höher ist, dann sind sie weniger geneigt, sich bestechen zu lassen. Der Wettskandal von 2005 in Deutschland lässt grüßen. Ob ein noch besserer Verdienst auch als Prävention gegen Spielmanipulation dienen könnte, ist allerdings nur schwer abzuschätzen.

Die Natur der Sache

Ein höherer Verdienst hin oder her, ein Punkt dürfte von dieser Frage unbeeinflusst sein: Schiedsrichter sind im Spiel häufig ein Angriffspunkt für die Mannschaften und das Publikum. Stärker ausgeprägt als in vielen anderen Sportarten. Die Emotion bleibt auch trotz technischer Hilfsmittel und dem Versuch für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, vorhanden.

Hier besprechen unsere beiden Podcaster eine steile These zum Gegenspiel von Gerechtigkeit und Emotion, und setzen dabei den Philosophen-Hut auf: Über kurz oder lang laufe jedes Spiel Gefahr zu einem hitzigen Wettkampf zu werden. Warum? Hier die Erklärung: Der Schiedsrichter als Instanz, die auf Gerechtigkeit setzt, sei aufgrund seiner Natur eine Irritation im Fussball, in dem es um die Emotionen geht. Eine Entscheidung, die getroffen wird, löse häufig bei der einen Mannschaft eine zustimmende und bei der anderen eine ablehnende Reaktion aus. Weil ein Spiel aus einer Vielzahl von Entscheidungen besteht, entwickelt sich ein natürliches Nach-oben-Schwappen der Emotionen im Spiel. Die Aufgabe des Schiedsrichters bestünde darin, den Prozess des Aufschwappens so zu verlangsamen, dass die 90 Minuten vorher vorbei sind, bevor das emotionale Faß zum Überlaufen gebracht wird. Dieser Interessenkonflikt sei quasi ein natürlicher Konflikt aus Emotion und Gerechtigkeit, wenn der eine (der Schiedsrichter) die Gerechtigkeit als Maßstab anlegt und für die anderen (die Spieler) die Emotion und das Gewinnenwollen im Vordergrund steht.

zumindest Steghauser hat schon Erfahrungen gesammelt und ein Spiel im Jugendfussball geleitet.

Ob an dieser These was dran ist? Vermutlich nur schwer herauszufinden. Es müssten schon unsere beiden Podcaster selbst in die Schiedsrichterei einsteigen. Was vermutlich eher unwahrscheinlich ist. Wobei, zumindest Steghauser hat schon Erfahrungen gesammelt und ein Spiel im Jugendfussball geleitet, von dem er selbst sagt, dass es ihn vor riesige Herausforderungen gestellt hat. Dabei hat er auch das Dilemma der ausgleichenden Ungerechtigkeit kennengelernt. Wenn man selbst weiß, dass man einen Fehler gemacht hat, darf man als Schiedsrichter nicht hergehen und den Fehler durch einen bewussten weiteren Fehler zugunsten der anderen Mannschaft wieder ausgleichen. Minus und Minus ergibt eben nicht immer Plus. Am besten direkt beim deutschen Schiedsrichter Felix Zwayer nachfragen.

Mehr zu unserem aktuellen Schwerpunktthema Schiedsrichter gibt’s demnächst auf Spielfrei: Auf euch wartet unser ausführliches Interview mit dem jüngsten österreichischen Bundesligaschiedsrichter Christian-Petru Ciochirca und seinem Kollegen Edin Kudic, der im Talentekader des ÖFB steht und auf dem Weg zum Assistenten in der Bundesliga ist. Bald hier auf Spielfrei.

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