Nachlese
Warum sind wir Fans?

13 Episoden hat es gedauert, bis sich zum ersten Mal ein Studiogast zu Adelmaier und Steghauser gesellt hat. Unsere beiden Podcastlieblinge erhielten in der Premierenepisode von Staffel 2 Unterstützung durch Frank Wonisch von BlackFM. Gemeinsam diskutierten die drei bei wohltemperiertem Cola-Rot, was es eigentlich heißt, Fussballfan zu sein.

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Vom Virus infiziert

Warum werden Menschen zu Fussballfans? Nun ja, die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Ausreden, warum man nicht ins Stadion kommt. Um Letzteres geht es übrigens in den aktuellen “Großen 10”. Was unzählige Liebesgeschichten im Fussball jedenfalls gemeinsam haben: Viele Menschen “infizieren” sich schon in ihren Kindheitstagen mit dem Fussballvirus. Ein Ausflug ins Stadion und ein glorreiches Spiel können reichen, um jemanden zum Fussballfan zu machen.

So geschehen auch bei Studiogast Frank Wonisch in den 1980er Jahren. Geboren in Mürzzuschlag, von ihm liebevoll als “Liverpool der Steiermark” bezeichnet, war es die Mannschaft des SK Sturm Graz rund um Vereinslegenden wie Bozo Bakota und Gernot Jurtin, die den jungen Frank zum “Schwoazen” machten. Die eindrucksvollen Leistungen der Steirer im Europapokal 1983 ließen sein obersteirisches Herz schneller schlagen. “Es entwickelte sich Stolz auf eine Mannschaft, der man selbst nicht angehörte”, beschreibt Wonisch seine eigene Erfahrung. Als der SK Sturm ein Jahr später im Europapokal auf bittere Art und Weise gegen Nottingham Forest ausschied, entbrannte die schwarz-weiße Leidenschaft in ihm endgültig. 

Treue unabhängig von der sportlichen Leistung…

Was macht dieser Fussball also mit Frank und mit uns allen? Er bindet uns in einem beziehungsähnlichen Konstrukt an einen Verein. Für Adelmaier ist klar, dass Fan sein auch bedeutet, einer Mannschaft unabhängig von ihrer sportlichen Leistung treu zu bleiben. So schwer das auch manchmal fallen mag. Wie in jeder Beziehung gibt es auch zwischen Fan und Verein Auf und Abs. Schlechte spielerische Leistungen und ausbleibende Erfolge gehen in der Fan-Verein-Beziehung oftmals auf Kosten der Leidenschaft und Romantik. Streit, Ärger und Frustration mögen immer wieder auftauchen, eine grundlegende Verbundenheit bleibt davon aber unberührt. 

Was müsste aber passieren, um eine solche Beziehung endgültig zu zerstören? Für Wonisch ist klar: Sollten sich Verein und Liga im Wesen verändern, Investoren munter Vereine kaufen, die Kommerzialisierung völlig aus dem Ruder laufen und die österreichische Liga zum internen Wettkampf eines Salzburger Weltkonzerns werden, dann würde das die Grundfesten einer mittlerweile 35 Jahre andauernden Liebe gewaltig erschüttern.

It’s Matchday

Für Wonisch geht die Fussballleidenschaft deutlich über die 90 Spielminuten hinaus. Es ist für ihn die “Matchday-Experience”, die den Zauber des Fussballs  ganz wesentlich mitbestimmt. Sein regelmäßiger Stadionbesuch ist mit Ritualen verbunden, die er so gut wie möglich pflegt. Vom Warm-Up in der eigenen Wohnung, dem anschließenden Treffen mit der Stadionrunde, dem gemeinsamen Weg zum Stadion, bis hin zur obligatorischen Nachbesprechung des Spiels. All diese Dinge machen aus einem Fussballspiel ein mehrstündiges Fussballritual. Und wenn das eigentliche Spiel am Feld nur mehr ein Bestandteil – ein sehr wichtiger zwar – dieser Kette ist, dann kann es eben sein, dass ein Spieltag selbst dann ein guter war, wenn die Mannschaft des Herzens verliert. Die vielfältigen Emotionen des Matchdays sind das eigentlich Unbezahlbare, und die gehen weit über das Geschehen am Rasen hinaus.

Die Entscheidung für einen Verein ist eine Entscheidung fürs Leben.

Jetzt drängt sich natürlich die Frage auf: Braucht es einen so umfangreichen Matchday-Ritus, um Fussballfan zu werden? Nicht zwingend. Wonisch ist überzeugt, dass viele für diesen institutionalisierten Matchday-Virus unempfänglich sind, diesen vielleicht sogar blöd finden, aber trotzdem zu jedem Heimspiel kommen. Für Steghauser etwa kann ein Matchday auch dann wertvoll sein, wenn er ihn nicht ins Stadion vor Ort führt. Entscheidend sei die soziale Interaktion rund um das Spiel. Ob der Austausch über Personalien und Aufstellungen vor und nach dem Spiel mit Freunden im Pub, Beisl oder via WhatsApp stattfindet, sei im Grunde zweitrangig.

Die Wichtigkeit der Matchday-Experience ist natürlich auch den Vereinen bekannt. Viele versuchen daher, dieses Erlebnis künstlich zu erzeugen: durch Konzerte und “buntes Rahmenprogramm”. Wonisch sieht diese Entwicklung kritisch. Solche Aktionen seien oftmals aus der Motivation heraus organisiert, Stadionbesucher noch länger an den Ort des Geschehens zu binden. Denn je länger Zuseher vor Ort sind, desto mehr Zeit haben die Vereinssponsoren, um ihre Werbebotschaften zu verbreiten.

Eine besondere Dynamik erhält diese Entwicklung dadurch, dass immer mehr Stadien aus der Innenstadt verschwinden und Neubauten vor allem in den städtischen Randbezirken oder im städtischen Umland entstehen. Plötzlich ist das Lokal, in dem man sich für gewöhnlich vor dem Spiel mit den Freunden trifft, viele Kilometer vom Stadion entfernt. Am besten einfach bei den Fans von West Ham nachfragen – die Pub-Kultur rund um den alten Boleyn Ground wurde abgelöst durch eine – mehrmals liebevoll erwähnte – “Fachmarktzeile” rund um das neue London Stadium. In einem Punkt ist sich Wonisch jedenfalls sicher: Es erfordert Langfristigkeit im Denken und in der Umsetzung, um neue Rituale einzuführen. Hier sind die Vereine besonders gefordert.

Britischer Touch in einer sehr italienischen Kurve 

Zu guter Letzt diskutieren unsere drei Protagonisten noch über ein weiteres, oftmals sehr kontroverses Thema: Die organisierten Fans und ihre Rolle im österreichischen Fussball. Wonisch erzählt dabei auch die Entstehungsgeschichte der Grazer “Gentlemen Hools”, denen er angehört. Er begründet, warum man sich bewusst für die Aufnahme des Begriffs “Hools” in den Namen entschieden hat. Es gehe nicht um die Glorifizierung der Hooligan-Szene, sondern genau um das Gegenteil. Man möchte dem vorherrschenden Bild, das von solchen Fangruppierungen existiert, entgegenwirken. Der Name sei ein bewusst gewählter Widerspruch. Es soll damit klar zum Ausdruck gebracht werden, dass Redegewandtheit, Witz und Umgangsformen – als Säulen der “Gentlemen Hools” – mit einer frenetischen Fanszene vereinbar sind.

Drum prüfe, wer sich ewig binde.

Für Fangruppierungen wie die “Gentlemen Hools” sind Highlights im österreichischen Ligaalltag eher rar gesät. Im Grunde seien es die Spiele von Sturm gegen Rapid, die das Salz in der Suppe ausmachen. Dort treffen zwei traditionsreiche, laut- und bildstarke Fankurven aufeinander. Wonisch sieht positive Entwicklungen vor allem in Linz und Innsbruck, kritisiert aber auch die falsche Selbstwahrnehmung des österreichischen Fussballs bei Fans und Liga-Verantwortlichen. Das führe nachhaltig dazu, dass die Liga künstlich schlecht geredet wird.

Eines ist jedenfalls nach rund einer Stunde und einer heiteren Diskussion klar: Fussballfan zu sein bedeutet eine regelmäßige emotionale Achterbahnfahrt. Und die Entscheidung für einen Verein ist eine Entscheidung fürs Leben. Drum prüfe, wer sich ewig binde.

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