Am Kickplatz
Pub am Vormittag statt Afterhour im Club

Wenn jemand eine Reise tut, dann…. Nein, lieber nicht! So kann ich diesen Rückblick auf ein grandioses Wochenende einfach nicht beginnen, es hagelt sonst wieder Kritik von Steghauser und das Phrasenschwein darf ich obendrein füttern. Dieses Mal bin ich so frei und verwende meine Kolumne für einen Reisebericht. Ich starte dafür am besten ganz am Anfang: Pünktlich zum Weihnachtsfest erreichte uns im vorigen Jahr die frohe Botschaft. Als religiös unbedarfter Mensch meine ich damit aber nicht die Geburt eines vermeintlichen Gottessohnes, sondern ein Geschenk mindestens ebenso sakralen Ausmaßes, also zumindest für uns: Wir hatten vier Tickets für das berühmte North-London Derby zwischen Tottenham Hotspur und dem FC Arsenal ergattert. Und das noch dazu im ehrwürdigen Wembley-Stadion. Na bumm! Von Vorfreude getragen, vergingen die kommenden eineinhalb Monate wie im Schlaf und spätestens als wir die Karten in Händen hielten, stellte sich die Gewissheit ein, dass wir tatsächlich Teil dieses großen und wie sich herausstellen sollte auch historischen Spiels sein würden.

Unser verlängertes Fussball-Wochenende startete am 9. Februar von Wien Richtung London, vertreten war das gesamte Spielfrei-Team mit Ausnahme von Redaktionshistoriker Dr. Poschi, der aufgrund seines taufrischen Nachwuchses aktuell eher mit Windelnwechseln als Fussball beschäftigt ist. Mehr als würdig vertreten wurde er aber von meinem geschätzten Schwager, Namensvetter und unerschütterlichen Arsenal-Fan Robert. Nach Ankunft in der aufgeräumten Gegend irgendwo zwischen Paddington Station und Hyde Park hatten wir als Warm-Up vor dem großen Premier-League Kracher für Freitagabend bereits das Spiel Millwall gegen Cardiff City in der Championship eingeplant, der zweithöchsten englischen Spielklasse. Vor dem Anpfiff um 19:45 Uhr blieb glücklicherweise noch ausreichend Zeit, um der örtlichen Gastronomie einen Besuch abzustatten. Im Pub um die Ecke unseres Quartiers tauchten wir in den englischen Feierabend-Spirit ein – volles Haus und beste Stimmung schon am späten Nachmittag. Das hat was. Bei einer Plauderei mit unseren Tischnachbarn über das bevorstehende Derby stimmten wir uns mit Bier und Cider auf den Stadionbesuch ein.

© spielfrei.at

Glühwein wäre besser gewesen. Bei nicht gerade freundlichen Temperaturen machten wir uns auf den Weg etwas weiter in den Osten der Stadt, wo die Szenerie nicht mehr ganz so einladend war. Umrandet von Bahngleisen, Autowerkstätten, einem LKW-Händler und einem Baustoffhandel steht “The Den”, das 20.000 Personen fassende Heimstadion des Millwall Football Club. Dass man in dieser Umgebung auf eher kernige Typen trifft und das Vereinsmotto “No one likes us, we don’t care” lautet, schien plötzlich ein Stück weit nachvollziehbarer. An der Südseite des Stadions angekommen, machten wir uns erst einmal ein Bild: ein provisorisch eingerichteter Bierstand (Tisch plus Fass, mehr braucht man in Wirklichkeit auch nicht), recht ordentlicher Zuschauerandrang und jede Menge Polizei, zum Teil beritten auf einschüchternd großen Pferdeungetümen. Auf blöde Ideen kommt man da wohl nicht so schnell. Nachdem wir uns in der Zeit bis zum Kick-Off noch etwas unter die Fans gemischt hatten, bot sich dann im Inneren des Stadions eine gute, wenn auch mit knapp 13.000 Zusehern nicht ausverkaufte Kulisse. Der Lärmpegel war dafür aber beachtlich, was man vom Spiel am Feld nicht unbedingt behaupten konnte: 90 Minuten lang ein ziemlich zerfahrenes Kick and Rush, das am Ende 1:1 ergab. In Anbetracht dessen, was da geboten wurde (immerhin zweite englische Liga), sollte man vielleicht auch mit der heimischen Bundesliga nicht immer ganz so hart ins Gericht gehen, aber das nur als kurzer gedanklicher Exkurs.

Unerwähnt kann ich zum Abschluss der Millwall-Experience natürlich auch meine nette Pausenbekanntschaft nicht lassen. Da auf den Tribünen kein Alkohol getrunken und schon gar nicht geraucht werden darf, nutzte ich dafür die Halbzeit am Vorplatz des Stadions und war in bester Gesellschaft. Mit ein paar Millwall-Fans ergab sich ein kleiner Smalltalk, bei dem ich auch von Spielfrei und unseren Wochenendplänen erzählte. Ein Freund von ihnen stieß gerade mit frischgezapftem Bier zur Runde, als wir ein gemeinsames Foto machen wollten. Die Situation nahm daraufhin eine für mich doch etwas überraschende Wendung. Wer ich bin, wollte er wissen. Seine Freunde kamen mir mit ihrer Antwort “He’s a journalist from Austria” zuvor, was bei ihm überhaupt nicht gut anzukommen schien. Er riss mir mein Telefon aus der Hand und schleuderte es hochkant auf den Asphalt. Das “Fuck off!” aus seinem Mund betrachtete ich als Ende unserer Unterhaltung. Nicht gerade die “feine englische Art”, dachte ich, packte meine Sachen und verschwand wieder ins Stadion. Auch nach dem Spiel liefen wir uns nochmal über den Weg, Freunde werden wir wohl keine mehr. Ich wiederhole mich, aber die Sache mit “No one likes us, we don’t care” ist für mich heute viel nachvollziehbarer als noch vor diesem Spiel.

© spielfrei.at

Ziemlich früh starteten wir dann in den nächsten Tag, bereits um 12:30 Uhr war das Spiel in Wembley angesetzt. Wir wollten rechtzeitig am Stadion sein, in der Nähe noch in aller Ruhe frühstücken und dem Kater vom Vortag somit zumindest einigermaßen Paroli bieten. Soweit der Plan. Beim Verlassen der Station Wembley Park erwartete uns gleich ein imposanter Anblick: der ungefähr einen halben Kilometer lange “Olympic Way” führt von dort kerzengerade auf das 2007 eröffnete Stadion zu, das mit seinem charakteristischen Dachbogen und einer Kapazität von 90.000 Plätzen nach dem Camp Nou in Barcelona das zweitgrößte Fussballstadion Europas ist. Noch überwältigt von diesen Eindrücken stellten wir bald fest, dass außer einem Pub in der Nähe keine Adresse für ein Frühstück zu finden war. Das gab es dort zwar auch nicht, aber die Wahl stellte sich trotzdem als goldrichtig heraus. Bereits um 10:00 Uhr vormittags war das Lokal komplett voll und die Stimmung fantastisch: an jeder Ecke wurde über Fussball geplaudert, Sprechchöre der Fans übertönten zwischendurch immer wieder die Musik aus den Lautsprechern und die Ausrichtung des Lokals auf Tottenham ließ das Herz von Spurs-Fan Adelmeier sowieso höher schlagen. Mangels Alternativen ersetzten wir unser Frühstück schließlich durch Bier, Jägermeister und Chips. Nobody said it was easy.

Schon etwas spät dran und leicht benommen von diesem ziemlich surrealen Vormittag machten wir uns auf ins Stadion, wo wir zwischen wahren Menschenmassen hindurch bis zur Warteschlange unseres Sektors gelangten. Pünktlich dazu setzte klischeehaft britisch auch der Regen ein. Endlich durch die Drehkreuze gelangt, beförderten uns Rolltreppen zu unseren Plätzen im obersten Rang, wo die gewaltige Kulisse dieses Ovals zumindest für mich erstmals richtig fassbar wurde. Auch wenn das Spiel aus Sicherheitsgründen nicht restlos ausverkauft werden durfte, gehen die 83.220 Zuschauer von diesem 10.2.2018 als neuer offizieller Rekord der Premier League in die Geschichtsbücher ein. Über das Spiel an sich verliere ich nicht viele Worte, es war erwartungsgemäß Fussball auf höchstem Niveau. Der überragende Harry Kane entschied die Partie für Tottenham bekanntlich mit 1:0. Den Adelmeier hat’s gefreut, die tapferen Arsenal-Fans Steghauser und Robert wünschten sich zum x-ten Mal den Rausschmiss Arsène Wengers.

© spielfrei.at

Nach einer ordentlichen Partynacht und einem Streifzug durch das Spirituosenregal der „Dickens Tavern“ war am Sonntag Regeneration und Ruhe angesagt. Ganz ohne Fussball ging es zwar auch nicht, dieses Mal aber ohne tausende Menschen rundherum, sondern zur Abwechslung ganz unaufgeregt vor dem Fernseher. Bevor wir montags wieder ins Flugzeug nachhause steigen mussten, wartete noch ein besonderer Termin auf uns. Wir trafen nämlich Watford-Verteidiger und Nationalspieler Sebastian Prödl zu einem ausführlichen Interview. Das Ergebnis davon konnten wir hier auf unserer Seite bereits in voller Länge veröffentlichen. Für alle, die es noch nicht gelesen haben, gebe ich an dieser Stelle noch einmal eine absolute Leseempfehlung ab.

Außergewöhnliche Tage gingen so zu Ende und ohne Zweifel kann eines gesagt werden: Spielfrei und England – das ist eine Liebesgeschichte!

 

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