Kristina Inhof
„Man sollte kein Modepüppchen sein…“

Wie bereits vor einigen Tagen angeteasert, haben sich Alex und Stefan kürzlich auf das ORF Gelände am Küniglberg verirrt. Wobei, „verirrt“ trifft es nicht ganz, hatten sie doch dort eine besondere Verabredung. Es freut uns sehr, dass wir nach dem spannenden Interview mit Viktoria Schnaderbeck im Vorjahr nun abermals mit einer wahren Fussballexpertin sprechen durften. Die Rede ist von Sportjournalistin und Moderatorin Kristina Inhof.

Nachdem die Weltmeisterschaft in Russland noch nicht allzu lange zurückliegt, wollten wir wissen, wie anstrengend die tägliche Arbeit vor der Kamera ist und welche Mannschaft sie im Turnierverlauf besonders überraschen konnte. Außerdem hat uns ihr Weg zum Job als Moderatorin interessiert, die Art und Weise, wie sie sich auf Sendungen vorbereitet und natürlich, wie gut der Schmäh mit Herbert Prohaska läuft. Viel Spaß beim Lesen!

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Wie bist du zum Fussball gekommen?
Ich bin weder familiär “vorbelastet”, noch habe ich jemals selbst gespielt. Eigentlich hat es sich durch mein Studium der Sportwissenschaften ergeben, das ich parallel zum Journalismus absolviert habe. Mein allererster Job rund um den Fussball war dann bei Puls4 in der Champions League Sendung.

Warum glaubst du, ist Fussball die beliebteste Sportart der Welt?
Darüber haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen. Es ist wohl ein soziales Phänomen. Man hat auf jeden Fall die Möglichkeit, sich als Fan voll auszuleben. Das passiert sowohl im positiven als leider auch im negativen Sinne. Außerdem ist Fussball neben dem Laufen eine Sportart, die man mit geringstem Aufwand betreiben kann. Man braucht nur einen Ball.

Stehplatz, Sitzplatz oder VIP?
Privat schaff’ ich es gar nicht so oft ins Stadion, aber wenn, dann Sitzplatz – Stehplatz eher nicht (lacht). Beruflich bin ich natürlich meistens auf der Pressetribüne. Ein, zwei Mal habe ich mir auch schon ein Spiel im VIP-Club angesehen, das ist natürlich schon ein Erlebnis.

Die WM war sicher sehr zeitintensiv für dich. Wie froh bist du, dass sie vorbei ist?
Nicht unbedingt froh, aber schon ein bisschen erleichtert, weil es doch sehr anstrengend war. Christian Diendorfer und ich haben ja den WM-Club moderiert. Gemeinsam mit ihm und dem verantwortlichen Redakteur Gerhard Lackner haben wir zu dritt die Sendung konzipiert und auch die Gäste organisiert. Wir waren schon sehr eingespannt, aber es war auch eine super Erfahrung und hat richtig Spaß gemacht. Es war definitiv eine tolle Zeit.

Beim Organisieren der Gäste hat dir deine Zeit bei Sky vermutlich auch geholfen, oder?
Natürlich. Vor allem bei den Gästen, die aus Deutschland gekommen sind, wie Mirko Slomka, Hans Sarpei oder Marcel Reif. Was ich hervorheben möchte: Sie haben das alle ohne Gage gemacht.

Was waren für dich die größten Überraschungen beim Turnier?
Kroatien im Finale war schon geil. Ich mag es, wenn Underdogs im Turnier weit kommen, auch wenn der Begriff Underdog auf Kroatien vermutlich nicht voll und ganz zutrifft. Das Favoritensterben war natürlich auch überraschend, vor allem das Ausscheiden von Deutschland.

Wann hast du eigentlich die Entscheidung getroffen, Moderatorin zu werden?
Eigentlich schon mit 18 in der Schule. Referate halten und präsentieren hat mir schon in meiner Zeit an der HAK viel Spaß gemacht. Aber ich habe damals nie gesagt, dass ich einmal zum Fernsehen gehen möchte, eigentlich wollte ich zum Radio. Ich habe dann auch Radio-Ausbildungen gemacht, aber irgendwann kam es dazu, dass ich auch vor der Kamera gearbeitet habe.

Gibt es neben deiner Arbeit als Moderatorin noch andere Bereiche im Fussball, in denen du dir vorstellen könntest, zu arbeiten? Zum Beispiel als Kommentatorin?
Nein, in der Rolle sehe ich mich nicht. Ich glaube, dass es besser ist, wenn ein Kommentator selbst mal Fussball gespielt und gewisse Spielzüge verinnerlicht hat. Oder auch aus persönlicher Erfahrung versteht, warum ein Spieler wie reagiert. Das ist sicher am authentischsten. Außerdem würde ich mich ungern mit der Kritik auseinandersetzen, die Kommentatoren entgegnet. Als Moderatorin muss ich ja “nur” die richtigen Fragen stellen, als Kommentatorin muss man Situationen beurteilen, einschätzen und dann natürlich auch Stellung beziehen. Und das führt immer dazu, dass man Befürworter und Kritiker hat.

Aber es gibt auch das eine oder andere “Moderatorenschmankerl”. Wir erinnern uns zum Beispiel an ein legendäres Neukirchner-Interview. Gab es bei dir auch schon Momente, die irgendwann in einem ORF-Rückblick auftauchen könnten?
Ich habe Richard Strebinger (Anm.: österreichischer Torhüter, aktuell bei Rapid Wien unter Vertrag) einmal gleich nach dem Abpfiff eine Frage gestellt. Sie war zwar nicht typisch „blöd”, aber sicherlich provokant. Aus der Emotion heraus habe ich dann als Antwort erhalten, was das für eine dumme Frage sei. Daraus lernt man aber auch. Ich habe für mich mitgenommen, nicht gleich mit einer provokanten Frage in ein Interview nach dem Spiel zu starten. Ich möchte natürlich auch weiterhin kritische und vielleicht unangenehme Fragen stellen, aber vielleicht nicht mehr als erstes (lacht).

Siehst du es als besondere Herausforderung, dich in der nach wie vor stark von Männern geprägten Fussballszene durchzusetzen?
Es ist sicher nicht leicht. Man muss der Typ Frau sein, der auch mit Männersprüchen umgehen kann. Und man muss sich auch wohlfühlen können, wenn man mal die einzige Frau im Team ist. Herbert Prohaska ist zum Beispiel jemand, der seine “Wuchteln” schiebt, aber uns Frauen gleichzeitig auf Augenhöhe begegnet. Du musst halt kontern können. Wenn’s um Interviews mit den Spielern geht, habe ich schon das Gefühl, dass ich zu hundert Prozent ernst genommen werde. Sie respektieren mich genauso wie einen männlichen Kollegen, was sicher auch daran liegt, dass ich meinen Job professionell mache.

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Gibt es Geschlechter-Klischees, mit denen du dich in deiner Arbeit konfrontiert siehst
Nein, die gibt es nicht. Ich glaube, wir Frauen im Fussball werden immer mehr. Deutschland ist hier sicher ein Vorbild. Auch bei den österreichischen Sendern nimmt die Anzahl an Frauen im Sport zu. Mir ist dabei aber wichtig, dass Frauen, die in der Sportberichterstattung arbeiten, sich auch wirklich dafür interessieren. Man sollte kein Modepüppchen sein. Ich selbst habe mich zunächst bei Puls 4 um Social Media Themen gekümmert. Das war natürlich ein guter Einstieg, aber diese Arbeit würde ich jetzt nicht mehr machen. Jetzt sehe ich schon sehr viel kompetentere Tätigkeiten bei mir als Social Media Posts vorzulesen.  

Du hast das Spannungsfeld von Mode und Professionalität angesprochen. Bei deiner ehemaligen Sky-Kollegin Esther Sedlaczek fällt beispielsweise auf, dass sie bei ihrem Modestil im Stadion ganz offensichtlich darauf achtet, eher sportlich und nicht sexy rüberzukommen, damit mögliche Klischees gar nicht erst bedient werden. Achtest du auch bewusst auf deinen Stadion-Look während der Arbeit?
Ja, ich überlege mir schon, was ich im Stadion anziehe und achte darauf, dass es angemessen ist. In erster Linie muss ich mich in der Kleidung wohlfühlen. Ich laufe aber auch privat am liebsten sportlich herum. Zu knappe Sachen gehen auf Sendung ohnehin nicht. Die Kleidung sollte im Hintergrund stehen und nicht von dem ablenken, was ich sage und mache.

Claudia Neumann, die einzige Fussballkommentatorin im deutsprachigen Fernsehen, war im Zuge der heurigen WM mit üblen Beschimpfungen, Hasspostings und völlig unverhältnismäßiger Kritik konfrontiert. ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann sagte dazu: “Wir akzeptieren natürlich Kritik, auch bei den Kommentatoren – was aber bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen.” Wie nimmst du solche Geschichten wahr?
Ich muss gestehen, dass ich bis jetzt noch nie ein Spiel gesehen habe, das von ihr kommentiert wurde. Deshalb kann ich mir von ihr natürlich auch kein Bild machen. Über eine Kommentatorin oder einen Kommentator mag man eine Meinung haben, die muss aber unabhängig vom Geschlecht sein. In diesem Fall ist die Kritik in den Social Media Kanälen wieder einmal ausgeartet, wie es leider häufig vorkommt.

Warst du mit “Shitstorms” dieser Art jemals selbst konfrontiert?
Nein, zum Glück nicht. Natürlich bekommt man ab und zu auch negative E-Mails oder Postings, aber das hat mich bis jetzt noch nicht näher berührt.

Du bist selbst sehr aktiv in den sozialen Medien unterwegs. Gehört die digitale Präsenz für dich einfach zu einem professionellen Auftritt als Sportjournalistin dazu, oder ist es für dich mehr ein Hobby?
Vorrangig mache ich es bestimmt, weil es mir einfach Spaß macht. Im Laufe der Jahre habe ich aber auch gelernt, das Ganze zu professionalisieren. Ich kann nicht unüberlegt jede Kleinigkeit posten. Auch viele private Momente mache ich nicht öffentlich. Meine Beziehung findet beispielsweise überhaupt nicht auf irgendwelchen Social Media Kanälen statt. Diese Dinge möchte ich schützen, deshalb wird es auch keine Fotos davon geben. Als ORF-Mitarbeiterin muss ich natürlich auch immer darauf achten, was ich schreibe und poste, da man doch als öffentliche Person wahrgenommen wird.

Wie bereitest du dich üblicherweise auf einen Spieltag vor?
Da wir keine Bundesligaspiele mehr live zeigen, ist der Aufwand jetzt geringer als in den letzten Jahren. Wenn ich in der Bundesliga vor Ort bin, stehen eigentlich nur mehr Interviews am Programm, die sich in erster Linie natürlich darauf beziehen, was in den neunzig Minuten am Platz geschehen ist. Hier braucht es nur ein paar Zusatzinfos, daher reichen ein bis zwei Stunden als Vorbereitung. In der Europa League Qualifikation sah das natürlich anders aus, weil ich dort die gesamte Moderation übernommen habe. In solchen Fällen fange ich schon tags zuvor an, mich einzulesen. Aus dem Archiv bekommen wir zur Vorbereitung immer umfangreiches Material mit Statistiken, bisherigen Europa League Auftritten, Transfers, etc.

Nochmal kurz zur WM. Was vielen Fans bei den ORF-Übertragungen positiv aufgefallen ist: Der Schmäh rennt. Wie können wir uns die Zusammenarbeit bei euch im Team mit Roman Mählich, Herbert Prohaska und Co. vorstellen?
Mählich und Prohaska haben ja meistens die Live-Spiele gemacht. Da gab es nicht so viele Berührungspunkte zwischen unseren WM-Clubs und den beiden. Im Grunde waren das zwei verschiedene Sendungen mit getrennten Sitzungen und Vorbereitungen. Aber man sieht sich natürlich in der Redaktion und der Humor stimmt definitiv. In der letzten Ausgabe des WM-Clubs waren die beiden zu Gast im Studio. Nachdem diese Folge aus Produktionsgründen als einzige nicht live, sondern zeitversetzt ausgestrahlt wurde, haben wir sie uns alle gemeinsam im Rahmen eines Abschlussfests angesehen. Das war natürlich äußerst lustig.

Seit dieser Saison wird die Champions League nicht mehr im Free-TV gezeigt. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?
Ich finde, hier muss man den gesamten Fussball hinterfragen, mit diesen Unsummen, die mittlerweile für Spieler und Rechte fließen. Der Bestbieter gewinnt, irgendwann wandern die Rechte dann eben zum Bezahlfernsehen. So gesehen wundert mich diese Entwicklung nicht. Sie macht die Champions League meiner Meinung nach aber auch ein bisschen unnahbarer, weil es im Grunde genommen einfach nur noch Millionäre sind, die Fussball spielen. Auch in der Bundesliga verdienen die Spieler gut, aber nicht in diesem Ausmaß. Hier finde ich es besonders schade, dass die Rechte jetzt gänzlich woanders liegen, weil die Liga ohnehin schon mit ihren Zuschauerzahlen zu kämpfen hat. Jetzt, wo der Bundesligafussball auch noch hinter die Bezahlschranke getreten ist, werden noch weniger junge Leute auf den Geschmack des Fussballs kommen. Und von alleine werden sie nicht ins Stadion gehen. Ich sehe den Trend also nicht sehr positiv.

Du moderierst auch bei Unterhaltungsformaten wie “Die große Chance der Chöre”. Kannst du dir vorstellen, in deiner Moderations-Karriere auch ganz vom Sport wegzugehen?
Ich möchte eigentlich immer beides machen, also Sport und Unterhaltung. Dort wie da habe ich großen Spaß. Die Unterhaltung ist für mich eine tolle Ergänzung zum Sport, aber auf Dauer wäre sie mir wahrscheinlich irgendwann zu oberflächlich. Das Schöne ist, dass beides sehr emotionsgeladen ist. Ich möchte keine Seite missen.

In einer Episode unseres Podcasts haben wir uns ausführlich mit dem Frauenfussball beschäftigt. Der österreichische Frauenfussball hat durch die großartigen Ergebnisse bei der EM 2017 einen Schub bekommen. Wie nachhaltig siehst du diesen Boost?
Ich glaube, das Nationalteam müsste nachlegen. Das würde ich ihnen sehr wünschen, weiß aber auch, dass sie sich aktuell in einer Entwicklungsphase befinden. Solche Phasen bedeuten zunächst oft auch einen kleinen Rückschritt. Ich hoffe, dass sie in naher Zukunft wieder bei einem großen Turnier dabei sind. Über den ORF können dann bestimmt wieder viele Leute erreicht werden. Während der EM im letzten Jahr waren es mitunter ja wirklich unglaubliche Reichweiten von bis zu 1,4 Millionen Menschen. Der ORF unterstützt den Frauenfussball aber nach wie vor sehr. Die WM-Qualifikationsspiele sind zu sehen, auch 10 Spiele aus der Frauen-Bundesliga und weitere aus dem Cup werden gezeigt. Am besten finde ich, dass der Frauenfussball eine solche Akzeptanz gewonnen hat. Dass es heute einfach normal ist, wenn ein Mädel Fussball spielt und es nicht mehr belächelt wird. Das freut mich sehr.

Zum Abschluss noch, wie sehen deine Ziele für die nahe und die etwas fernere Zukunft aus?
Die nahe Zukunft ist stark geprägt vom Fussballwochenende im ORF und der neuen Sendung, die ich immer wieder auch moderieren werde. Wir wollen ein gutes Produkt schaffen und ich möchte mich dabei selbst weiterentwickeln, dazulernen und besser werden. Parallel möchte ich gerne weiterhin meine Unterhaltungssendungen im ORF machen. Für die etwas fernere Zukunft hoffe ich, dass Österreich bei der Fussball-EM 2020 wieder dabei sein wird und ich dann entweder aus dem Studio oder vor Ort darüber berichten kann. Und irgendwann krieg’ ich dann ein Kind, aber erst in ein paar Jahren (lacht).

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