Nachlese: Ich seh’, ich seh’, was du nicht siehst

Irgendwo in Europa: Der Scout sitzt auf der hölzernen Tribüne und verfolgt, wie das hoffnungsvolle Talent dem Spiel seinen Stempel aufdrückt. In sein schlaues Buch notiert er sich allerlei Wissenswertes über dessen Fähigkeiten. Wie er im Dribbling standhaft bleibt und wie er selbst unter Druck die Übersicht bewahrt. Ein paar weitere überzeugende Spiele folgen und nach ein paar Monaten steht fest: Er ist genau der Richtige. Von dort weg geht alles ganz schnell. Der Verein des Scouts schlägt zu und verpflichtet den Dribbelkünstler. Der großen Karriere steht nichts mehr im Wege.

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Es klingt so schön einfach, beinahe wie eine Liebesgeschichte. Er sieht ihn, und daraus entsteht das große Glück. Der Fussball ist eben durch eine besondere Form von Romantik geprägt. Und doch sind diese Geschichten eine Seltenheit. Auf eine solche Liebesgeschichte kommen unzählige weniger romantische und weniger erfolgreiche.

Warum Scouting für Vereine so wichtig ist

Fussballvereine scouten Spieler aus verschiedenen Gründen. Manche suchen nach einer Kaderergänzung, andere vielleicht den großen Star von morgen. Eventuell verfolgen sie auch den nächsten Gegner und wie er die 90 Minuten taktisch angeht. Das Beobachten von Spielern und Mannschaften ist eine der ältesten Traditionen im Fussball. Trotz all der technischen Neuerungen, die in den vergangenen Jahren Einzug gehalten haben (mehr dazu noch im Laufe dieser Nachlese), läuft es oftmals immer noch darauf hinaus, dass jemand auf der Holztribüne oder dem Schalensitz Platz nimmt, um von dort aus das Spiel und seine Protagonisten zu analysieren.

Das Scouting ist einer jener Bereiche im Fussball, um den es mitunter die größte Geheimnistuerei gibt. Kaum ein Verein gibt Einblicke in sein Scoutingsystem und Scouts werden von den Vereinen regelrecht abgeschirmt. Ihre Ausbildung ist kaum reglementiert, lediglich in England gibt es eine Scouting-Akademie, aber mehr nicht. Für viele Vereine sind Scouts eine Art Lebensversicherung, weil sie die richtigen Spieler für den Verein finden sollen. Für manche Clubs stehen sie sogar im Zentrum ihres Geschäftsmodells: jene nämlich, die es sich zum Ziel gemacht haben, als Ausbildungsstätten vielversprechende Spieler zu verpflichten, um diese dann nach gewisser Zeit um ein Vielfaches weiterzuverkaufen. Scouting im Fussball hat so einiges mit Sportwetten gemeinsam, viele suchen nach dem großen Gewinn. Manche in der Szene wissen einfach mehr und haben deshalb bessere Chancen, den großen Fisch an Land zu ziehen. Ein Restrisiko gibt es allerdings immer und für alle.

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Gute Scouts müssen ein äußerst vielfältiges Anforderungsprofil erfüllen. Zum einen benötigen sie analytische Fähigkeiten. Sie müssen sowohl den Status Quo eines Spielers als auch dessen Potential einschätzen können. Zum anderen muss ein Scout neben den individuellen Fähigkeiten eines Spielers aber auch beurteilen können, wie gut dieser den Erfordernissen eines Vereins entspricht und welche Einstellung zum Sport er mitbringt. Hier besteht ein Unterschied zwischen Scouts und einer anderen Personengruppe im Fussball, die wir uns bei Spielfrei schon näher angesehen haben – den Spielerberatern (Episode 07 – Im Wechselbad der Fussballgefühle). Sie sind auf der Suche nach den großen Potentialen, wollen diese unter ihre Fittiche nehmen und im besten Fall über die gesamte Karriere begleiten. Scouts hingegen konzentrieren sich nicht nur auf die individuellen Karrieremöglichkeiten von Spielern, sondern stehen in der Regel im Dienst eines Vereins und müssen dessen Bedürfnisse und Anforderungen verstehen. Neben dem jeweiligen Talent gilt es also insbesondere herauszufinden, wie gut ein Spieler zu einem Verein passt. Neben analytischen Fähigkeiten muss ein Scout aber auch organisatorische Stärken und eine ordentliche Portion Sitzfleisch mitbringen. Bis zu 100.000 Kilometer legt so jemand in der Deutschen Bundesliga pro Jahr im Auto zurück.

Für viele Vereine sind Scouts eine Art Lebensversicherung.

Was der Scout aber vor allem benötigt, ist ein gutes Bauchgefühl. Er ist es, der dem Verein letztendlich empfiehlt, ob ein Spieler aufgrund seines Gesamtpakets weiter beobachtet, gegebenenfalls verpflichtet oder vielleicht besser zu den Akten gelegt werden soll. Je jünger ein Spieler ist, desto mehr kommt diese Entscheidung einem Hochrisiko-Investment gleich, quasi einem Spekulationsgeschäft mit Fussballspielern. „Ich investiere, weil ich mir einen zukünftigen Ertrag erhoffe“. Im besten Fall ist dieser Ertrag sportlich und wirtschaftlich. Zahlreiche 10- bis 14-Jährige wurden schon als die „neuen Messis“ geadelt, nur um in den Jahren danach in der Versenkung zu verschwinden. Für die meisten Nachwuchsscouts sind solide Einschätzungen daher erst ab der Pubertät möglich.

Diese umfassenden Anforderungen sind nicht einfach zu erfüllen. Erstklassige Scouts sind Mangelware, was deren Preis auch stetig in die Höhe treibt. Mittlerweile wechseln immer mehr dieser analytischen Pfadfinder für gutes Geld den Arbeitgeber.

Computerspielende Cheftrainer

Einer der nachhaltigsten Trends im Scouting ist der zunehmende Einsatz von technischen Hilfsmitteln. Die Spannweite reicht hier von Vereinen, die auf einfaches Datenmaterial zugreifen bis hin zu Clubs, die sich ganz dem technikgestützten Ansatz verschrieben haben. Ein eindrucksvolles Beispiel für die zweite Kategorie ist der FC Midtjylland aus Dänemark. Der 1999 gegründete Verein gilt als Vorreiter im Bereich Datenanalyse und nennt Statistik, Mathematik und Scouting als seine drei Eckpfeiler. Im Besitz des FC Midtjylland ist Matthew Benham, der seinerseits ein Vermögen mit Sportwetten gemacht hat. Der Verein möchte in seiner Scouting-Aktivität das Sichtbare vom Messbaren trennen. Zusätzlich zu Werten wie Zweikampfquote, Assists, usw. werden aber auch detaillierte Persönlichkeitsprofile ausgearbeitet, die Aspekte berücksichtigen, die selbst von Computerprogramm nur schwer zu erfassen sind. Dadurch soll ein ganzheitliches Spielerprofil entstehen. Um das Ganze in ein Beispiel zu packen, nehmen wir Luka Modric her. Der Spielmacher von Real Madrid hat äußerst überzeugend Statistiken. Seine Extraklasse wird aber erst durch Werte und Eigenschaften sichtbar, die auch für Computerprogramme nur schwer festzuhalten sind. Modric zeichnet sich dadurch aus, dass er seine Gegner wie kaum ein anderer zwingt, seitlich oder nach hinten zu spielen. Außerdem besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, mit dem ersten Ballkontakt sofort den freien Raum zu suchen.

Zahlreiche Vereine beklagen die unethischen Methoden, die in der Szene oftmals praktiziert werden.

Nicht alle Vereine haben dieselben Möglichkeiten oder die gleiche zahlengetriebene Motivation wie der Club aus Dänemark. Viele greifen deshalb auf Scouting-Software von der Stange zurück. Mittlerweile gibt es hier eine ordentliche Vielfalt an Produkten am Markt. Plattformen wie Scout 7 bieten beispielsweise Statistiken und Videos zu mehr als 450.000 Spielern,  besonderer Beliebtheit erfreut sich auch die Fussballsimulation „Football Manager“. Das 1992 erstmals erschienene Spiel ist für Teams, vor allem in unteren Ligen, oftmals die erste Anlaufstelle in Sachen Datenmaterial. Es wird aber auch von Profimannschaften für Scouting-Zwecke eingesetzt. Der Everton FC hat beispielsweise im Jahr 2008 einen exklusiven Deal mit dem „Football Manager” abgeschlossen, um früher auf dessen Datenmaterial zugreifen zu können. Rund um das Spiel gibt es noch zahlreiche weitere, teils kuriose, Geschichten. Das norwegische Nachwuchstalent Martin Odegaard, aktuell beim SC Heerenveen aktiv, war aus rechtlichen Gründen lange Zeit nicht im „Football Manager” vertreten. Um dies zu ändern, statteten Fans des Spiels der Familie von Odegaard einen Besuch ab, um sie von einem Vertrag mit den Herstellern zu überzeugen. Mission erfolgreich. Apropos erfolgreich: Der 21-jährige Student Vugar Huseinzade schaffte durch den „Football Manager” sogar den Sprung in den Profifussball. Aufgrund seiner Leistungen im Spiel wurde er im November 2012 zum Manager der Reservemannschaft des FC Baku ernannt.

Ein möglicher Weg für die Zukunft

Alles eitel Wonne, Sonnenschein im Scouting? Natürlich nicht. Zahlreiche Vereine beklagen die unethischen Methoden, die in der Szene oftmals praktiziert werden. Insbesondere im Nachwuchsbereich wird von vielen Clubs kritisiert, dass manche Scouts direkt auf Kinder zugehen und ihnen Angebote unterbreiten, ohne die Eltern vorher einzubinden. Dieses Verhalten ist an und für sich streng verpönt, wird von einigen aber weiterhin praktiziert. Problematisch sind aber nicht nur die Vorgehensweisen mancher Scouts, sondern auch jene vielbeschworenen Eltern, die ihren eigenen Traum leben wollen und deshalb ihr Kind in eine bestimmte Richtung drängen. Mit welchem großen Risiko dieses Vorhaben verbunden ist, können die meisten von ihnen nicht einschätzen.

Für viele Teams ist das systematische Scouting von Spielern ein möglicher Weg, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Wenn immer mehr finanzstarke Investoren in den Profifussball drängen, dann kann ein funktionierendes Scouting-System für Vereine ohne große Investoren die richtige Antwort sein, um auch weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Denn die großen Liebesgeschichten werden immer  noch von der Holzbank und vom Schalensitz aus geschrieben, nicht aus der Loge.

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